PIB-ZentrumFortbildungFortbildungenGerontotherapieRückmeldung zur Gerontotherapie Fortbildung

Persönliche Reflektion - Es geht auch anders -

Im Gespräch mit meinem Mann in der Vorbereitungszeit zur heutigen Prüfung kamen verschiedene Aspekte meiner Fortbildung zur Gerontotherapeutin zum Vorschein, die ich bis dato so klar nicht gesehen hatte. Er stellte die Frage, warum ich in einem Altenheim arbeite, wo ich doch jahrelang den Hang hatte, alleine sein zu wollen nach meiner Großfamilienerfahrung. Gemeinsam dachten wir darüber nach, wieso ich eine ähnliche Berufswahl wie mein Vater getroffen hatte. Wo ich doch selber nicht das tun wollte, was er tat (und ich nicht so sein wollte wie er). Wollte ich die Bessere von uns sein?

Ursprünglich hatte ich keinen direkten Zusammenhang mit der Wahl der Fortbildung, resultierend aus einer Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und meinen familiären Strukturen gesehen. Ich war unzufrieden mit meinem Arbeitsbereich, mit meinem Arbeitgeber und auf der Suche nach Veränderung. Veränderung kommt von innen, aus mir und bewirkt im besten Fall auch Veränderung im Umfeld, wenn die anderen nicht starr an ihrem Rollenverhalten festhalten. Aufgeregt und mutig bat ich meinen Chef um die Übernahme der Fortbildungskosten. Er erwies sich zu dieser Zeit als großzügig. Ebenso aufgeregt führte ich das Vorstellungsgespräch mit Prof. Dr. Gessmann. Stolz, mein erstes Ziel erreicht zu haben, fuhr ich an diesem Tag nach Hause.

Vom Psychodrama hatte ich bis dahin nichts gehört. Vertrauend darauf, dass mirim Leben das widerfährt, was ich erleben muss, um mich entwicjekt zu können, ließ ich mich auf die Gruppe ein. Eine völlig neue Erfahrung, kannte ich bis dahin eher weniger humanistische Gruppenarbeit. Bis auf wenige Ausnahmen erlebte ich die psychodramatische Arbeit in den Gruppen als echt und offen. Nie ging es nur um einen von uns vielmehr war auch ich jedes Mal "betroffen". Meine Erfahrung in den Protagonistenspielen führte mich näher zu meinen Themen, die ich vorher zwar präsent hatte, aber doch wenig fühlte. Ich hatte die Möglichkeit, auszuprobieren, eine andere Perspektive einzunehmen, eine andere Rolle zu spielen.

Im Laufe dieser zwei Jahre habe ich mehrere rote Fäden entdeckt, die sich durch mein Leben ziehen. Meistens gaben sie mir Sicherheit, aber nahmen mir die Lebensfreude und unterdrückten Spontaneität. Die Fäden hatten Namen wie Angst (vor Ablehnung, Versagen u.a.), Trauer, Misstrauen, Selbstzweifel. Nicht, dass die Fäden gerissen wären, sie sind dünner geworden und haben an Bedeutung verloren. Halt geben sie mir nicht mehr. Sie hängen an mir herum, kösen sich langsam ab.

Wiederentdeckte, mich stärkende Gefühle traten in den Vordergrund. Ich wurde mutiger, selbstsicherer, tat Dinge mit Freude, ließ Emotionen auch dort zu, wo ich sie mir früher verboten hätte. Ich fand festen Boden unter den Füßen, traf Entscheidungen, volzog Veränderungen.

Die schwerwiegende berufliche Veränderung war die Kündigung meiner alten Arbeitsstelle und die Übernahme einer neuen Herausforderung bei einem neuen Arbeitgeber. Ich hatte mir einen rebungslosen Abschied gewünscht, stattdessen schlug die Enttäuschung meines Chefs in Wut und gerichtliche Auseinandersetzung um. Ich war hin und her gerissen, durchlebte ein Gefühlsdurcheinander im Abschied von den Bewohnern und Mitarbetern. Sie waren mit sehr ans Herz gewachsen. Lachen und Weinen und die Frage nach der Richtigkeit dieser Entscheidung nahmen einen großen Raum ein.

Im privaten Bereich haben sich Veränderungen zu meinen Kindern ergeben. Ich bin konsequenter geworden, aber auch weicher und herzlicher im Umgang mit ihnen. Ich habe sie losgelassen. Es gab die Scheidung von meinem Exmann, ein intensivierter Kontakt zu meiner Ursprungsfamilie, ich nehme wieder die Rolle der großen Schwester ein.

Ich habe 17 kg Gewicht losgelassen, meinen Kleidungsstil, ich habe mir den lang gehegten Wunsch einer Zahnregulierung erfüllt. Mein Mann schätzt mich als selbstsicher und stabiler - ich mich auch!

Für mich waren diese Schritte möglich, weil ich das erste Mal in meinem Leben die Wichtigkeit von Beziehungen zu anderen Menschen gefühlt habe. Worte wie Empathie und Wertschätzung waren mir geläufig, aber mit wenig emotionalem Inhalt gefüllt. Hatte ich früher eher den Wunsch nach etwas nur mir Gehörendem, gibt es heute Dinge, auf die ich eher verzichte, ist mir die Gemeinschaft, das Miteinandermachen, den anderen mit einzubeziehen und jeden für Seins wertzuschätzen, die wichtigste Erfahrung aus der Humaniscten Psychodrama-Arbeit. Dort, wo ich Wertschschätzung un Empathie erfahre, fühle ich mich wohl.

Die Arbeit mit alten, meist dementen Menschen, ist meist Gefühlsarbeit. Dort, wo kognitive Fähigkeiten schwinden, schaffen Gefühle eine Verbindung, ermöglichen Beziehung. Jetzt habe ich die Möglichkeit, das Erlernte, was eher als "Gefühltes" oder "Erspürtes" zu bezeichnen wäre, anzuwenden. (Im Gegensatz zu Mitarbeitern, die erst lernen und dann die Theorie in die Praxis umsetzen, hat mich die Fortbildung dazu gebracht, die mir jahrelang angeeignete Praxis theoretisch zu untermauern.)

In der Praxis helfen mir die verschiedenen Methoden eds Humanistischen Psychodramas Einzel- und/oder Gruppenthemen zhu finden. Materialien aus der Gegenwartund der Vergangenheit kommen ebenso zum Einsatz wie erlebte Geschichts- oder Märchenerzählungen. Mich in die Rolle eines alten Menschen hinzuverstzen, ermöglicht mir eine Annäherung an seine WElt und auch ein besseres verständnis. Ichtraue mich auszuprobieren, auf welche Art undWEise ich eien Beziehung aufbaue. so nehme ich bei Komapatienten nicht nur körperlich KOntakt auf sondern spreche auch in Ich-Form (in Kenntnis seiner (Teil-)Biographie) Dinge aus, dieihn bewegen könnten, im Sinen eines Doppels.

Ich hinterfage meine Arbeit heute häufiger als vor der Fortbildung. Kommt das an, was ich sage und tue? Ist es im Sinne des Bewohners? Wie sind seine Reaktionen? Habe ich früher Bewohner beschäftigt, beschäftige ich mich heute mit ihnen. Beobachtung und Einfühlung spielen eine wichtige Rolle. Ich übe meinen Beruf der Gerontotherapeutin heute inhaltlich aus. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich mir treu bleibe und mich weiter ermutige.