PIB-ZentrumFortbildungVeröffentlichungenAlles für die Katz

Alles für die Katz oder: Wie wir lernen ...

Prof. Dr. mult. Kurt Guss

„Liebe Schüler, ihr werdet wieder lernen, für euch selbst zu denken. Ihr werdet lernen, die Worte und die Sprache zu genießen. Ganz gleich, was andere euch erzählt haben, Worte und Ideen können die Welt verändern.“ 1)

 

Schön wärs, wenns nur wahr würde, was John Keating seinen Schülern verspricht. Doch Lehrer mit dergleichen Absichten halten sich nicht an öffentlichen Schulen, nicht im Film und nicht im wirklichen Leben.

„Non vitae, sed scolae discimus – Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir!“, hat vor 2000 Jahren Seneca der Jüngere geklagt.2) Seitdem hat sich eine ganze Menge in unseren Schulen getan und
es hat sich eine ganze Menge verändert, nur verbessert hat sich nichts.

Im Alter von sechs Jahren wird aus dem ursprünglichen Wissenwollen des Kindes ein Wissenmüssen und von da an nehmen Wissbegier und Neugier kontinuierlich ab. Die natürliche Freude am Lernen und am
Üben wird dem Kind ein für allemal ausgetrieben, und zwar durch Schulpflichtgesetz, Lernmittelfreiheit und durch Lehrer, denen die Freude am Lernen seinerzeit ebenfalls ausgetrieben worden ist, durch entgleiste
Existenzen, die so grundlegende Werke wie die von James, Dewey, Copei und Wagenschein allenfalls gelesen haben, um ihr albernes Lehrerexamen zu bestehen, die nichts, buchstäblich nichts davon in ihrem
pädagogischen Alltag verwirklichen können oder wollen, die missmutig, unausgeschlafen, gereizt, oft alkohol- und nikotinabhängig wie der Lehrer Lämpel sind, kurzum, die besser Versicherungsvertreter als Lehrer
geworden wären. Natürlich gibt es auch begabte und engagierte Lehrer wie John Keating, doch kämpfen diese – im Film wie im wirklichen Leben – einen vergeblichen Kampf gegen eine alles beherrschende
Administration, gegen hysterische Eltern und karrieresüchtige Schulamtsdirektoren.

Der Unterricht der meisten Lehrer ist öde und langweilig und hat bestenfalls die Qualität schlechter Unterhaltung. Heinz von Foerster weiß ein Lied davon zu singen: „Sie müssen wissen, dass ich stets ein außerordentlich
schlechter Schüler war. Der Grund ist, dass ich mir die isolierten Fakten und Daten des Geschichtsunterrichts einfach nicht merken konnte. Mir war nie klar: Was war da nur mit der Kleopatra? War sie nun mit
Julius Cäsar oder Abraham Lincoln zusammen?“3)

Wie aber sollte guter Unterricht sein? Guter Unterricht sollte anschaulich, lebendig und lebensnah sein, vielleicht nicht ganz so lebensnah wie der Unterricht der nordamerikanischen Lehrerin Mary Kay Letourneau,
die 1997 als Folge ihrer unvergesslichen biologischen Experimente von einem zwölf Jahre alten Schüler schwanger wurde.

Das Lernen in der Schule ist nur eine, allerdings eine sehr wesentliche, Art des Lernens. In seiner allgemeinen und sehr weiten Bedeutung verstehen wir unter Lernen alle dauerhaften Veränderungen des Erlebens
und Verhaltens, die auf Erfahrung beruhen. Ob bestimmte Reaktionen eine Folge von Lernvorgängen oder angeboren sind, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Kennen Sie das grässliche Geräusch, welches entsteht,
wenn jemand mit einem harten Stück Kreide auf einer Tafel schreibt? Wer dieses Geräusch hört, verzieht das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Tut er das, weil er schlechte Erfahrungen im Zusammenhang
mit diesem Geräusch gemacht hat oder weil das Spektogramm dieses Geräusches identisch ist mit dem des Warnlautes japanischer Brüllaffen? Auf der anderen Seite gibt es Reaktionen, die man lange Zeit für angeboren
hielt, die aber stärker erfahrungsabhängig sind als wir glauben. Unser lebenswichtiges Immunsystem wird im Laufe der Kindheit aufgebaut und muss lernen, mit fremdartigen Stoffen umzugehen.

„Schmuddelkinder“ sind daher weniger anfällig für Allergien als überbehütete Kinder, die in einer sterilen Umgebung groß werden.4)

Berühmte Lernforscher haben versucht, etwas Licht in die Natur von Lernprozessen zu bringen. Ihre Ergebnisse können sich sehen lassen, ihre praktischen Vorschläge sind oft rührend. Der Petersburger Physiologe
Iwan P. Pawlow hatte bei seinen Experimenten mit Hunden beobachtet, dass deren Speichelsekretion nicht nur durch adäquate Reize wie Leberwurst ausgelöst werden kann, sondern unter der Bedingung (Kondition)
raum-zeitlichen Zusammentreffens auch durch andere Reize. Solche Reaktionen nennt man seitdem konditionierte oder bedingte Reaktionen und ihren Aufbau klassisches Konditionieren. Zur pädagogischen Bedeutung
seiner Arbeit meint Pawlow: „Es ist ja einleuchtend, dass unsere Erziehung und unser Lernen und unsere vielen Gewohnheiten nichts anderes sind als ein lange Reihe von bedingten Reflexen.“5) Ich halte das keineswegs
für einleuchtend. Ich glaube vielmehr, dass Bildung und Erziehung etwas grundlegend anderes ist als konditionierte Speichelsekretion. Das soll aber nicht heißen, Konditionierungsvorgänge hätten keinen Einfluss auf unser
Verhalten. Konditionierungsprozesse funktionieren großartig, vor allem dann, wenn es darum geht, unsere Schwächen auszunutzen, also beispielsweise bei Propaganda und Wirtschaftswerbung. Pawlows Reduzierung
des komplexen menschlichen Verhaltens auf einfachste biologische Einheiten ist charakteristisch für einen anderen Versuch Lernvorgänge besser zu verstehen, für die amerikanische Schule der Behavioristen. Ulrich
Erckenbrecht sagt daher: „Wenn Behavioristen den Namen Pawlow hören, läuft ihnen das Wasser im Munde zusammen.“6)

Der Begründer des Behaviorismus, John B. Watson, interessierte sich für die physiologischen Aspekte der sexuellen Erregung. Da er sein wissenschaftliches Interesse auch auf seine Assistentin Rosalie Rayner ausdehnte,
trennte sich seine Frau von ihm und das gleiche tat die John Hopkins-Universität, denn das Verhalten eines verheirateten Mannes wurde zu jener Zeit ernster genommen als heutzutage. Watson tingelte jetzt von Haus zu
Haus, verkaufte Gummistiefel, später Kaffee und war eine Zeitlang Angestellter in Macy's Warenhaus in New York. Schließlich brachte er es zum Vizepräsidenten der Werbefirma J. Walter Thompson.7) Von Watson stammt
der Slogan „Reach for a Lucky instead of a sweet!“, mit dem es gelang, dem Raucher ein gutes Gewissen zu verschaffen und das Rauchen als Heilmittel hinzustellen. Watson war bestrebt, die gesellschaftlichen Vorurteile
gegen das Rauchen der Frauen zu zerstören. Der Behaviorismus John. B. Watsons ist oft kritisiert worden. Seine Tätigkeit als Suchtpromotor wird ihm merkwürdigerweise nie vorgeworfen.

Der amerikanische Lernforscher Edward L. Thorndike erkannte aufgrund seiner höchst fragwürdigen Experimente mit Katzen, dass positive und negative Effekte Einfluss auf unser Verhalten haben, allerdings nur dann,
wenn sie diesem Verhalten unmittelbar folgen („trial and error learning“). Das Trinken von Alkohol hat die als Kater bekannten negativen Folgen. Dennoch nimmt der Alkoholkonsum nicht ab, sondern zu. Der Grund
dafür ist einfach: Wenn jemand Alkohol trinkt, hat das zunächst positive Nacheffekte: Wegfall von Hemmungen, gehobene Stimmung, steigende Zuversicht. Die negativen Konsequenzen sind zwar sicher wie das Amen
in der Kirche, doch kommen sie viel zu spät, um künftiges Verhalten zu beeinflussen. Mit dem Rauchen verhält es sich genauso. Den Raucher hält es bei der Stange (bzw. beim Stängel), dass er augenblicklich
Erleichterung verspürt, wenn er sich eine ins Gesicht steckt, denn Nikotin erreicht unser Gehirn so schnell wie keine andere Droge dies tut. Man bezeichnet diese Art des Lernens als intrumentelles Konditionieren,
weil Verhaltensweisen, die erfahrungsgemäß Erfolg haben, als Werkzeug, als Instrument, eingesetzt werden. Wilhelm Busch hat dies bei einem Kleinkind beobachtet: „Früh zeigt er seine Energie, / Indem er
ausdermaßen schrie; / Denn früh belehrt ihn die Erfahrung: / Sobald er schrie, bekam er Nahrung.“ 8)

Beim operanten Konditionieren, welches der Harvard-Psychologe Burrhus F. Skinner erforscht hat, werden Schritt für Schritt Verhaltensweisen belohnt („verstärkt“), die zum angestrebten Endverhalten führen. Außerhalb
der Skinner-Boxen ist es aber nicht immer der Erfolg, der uns weiterbringt. Misserfolg, Scheitern und Fehlschläge sind oft notwendige Stationen unseres Lebensweges. Das zeigt die Geschichte eines Mannes, der mit 31
Jahren eine geschäftliche Pleite erlebte, der mit 32 Jahren einen Wahlkampf verlor, der mit 34 Jahren wiederum Konkurs ging, der mit 35 Jahren den Tod seiner Partnerin verwinden musste, der mit 36 Jahren einen
Nervenzusammenbruch erlitt, der mit 38 Jahren wieder einen Wahlkampf verlor,

der mit 43 Jahren im Kongress unterlag, der das Gleiche mit 46 und mit 48 Jahren erlebte, der mit 55 Jahren den Kampf um einen Senatorenplatz verlor, der mit 56 Jahren die Vizepräsidentschaft verfehlte, der mit 58 Jahren
wieder den Kampf um einen Senatorenplatz verlor. Wer war dieser Unglücksrabe? Es war Abraham Lincoln, der mit 60 Jahren zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde.

Calvin Coolidge, der dreißigste Präsident der Vereinigten Staaten, hatte einmal Freunde aus Vermont eingeladen. Diese Freunde waren sich ihrer Tischmanieren nicht sehr sicher und hielten sich daher vorsichtshalber an das
Vorbild ihres Gastgebers. Es ging alles leidlich gut. Zum Schluss wurde Kaffee serviert, und Coolidge goss ihn in die Untertasse. Die Freunde taten desgleichen. Er fügte Sahne und Zucker dazu. Auch das taten die Freunde.
Dann beugte sich Coolidge zur Seite und stellte die Untertasse auf den Boden vor seine Katze.9) – „Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen, sie machen einem doch alles nach!“ Die verzweifelte Mutter, die dies sagte, hat Recht,
denn Kinder lernen durch Nachahmung nicht nur die Sprache und welches Händchen das richtige ist, sie lernen durch Nachahmung auch, was sie eigentlich nicht lernen sollten und oft am sichersten und schnellsten gerade das.
Die Kinder von Alkoholikern haben eine um das Sechsfache erhöhte Aussicht Alkoholiker zu werden, obwohl sie sich fest vornehmen, sich später nicht so zu verhalten wie der saufende Papa oder die süffelnde Mama. „Wie der
Herr, so’s Gescherr!“, sagt daher der Volksmund. Der Sohn eines Mafiabosses betet jeden Abend vor dem Jesus-Bild: „Lieber Herr Jesus, mach, dass ich ein Rennrad bekomme.“ Sein Herzenswunsch geht aber nicht in Erfüllung.
Schließlich schleicht er nachts in die Kirche und stiehlt die Madonnenfigur. Er versteckt sie sorgfältig verpackt und verschnürt auf dem elterlichen Speicher. Am nächsten Abend kniet er wieder vor dem Jesus-Bild und betet:
„Also, lieber Herr Jesus, wenn du deine Frau Mutter jemals wiedersehen möchtest ...“.

 

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1 John Keating (Robin Williams) in Peter Weirs „Dead Poets Society – Der Club der toten Dichter“ (1989).

2 Seneca d. J., 106. Brief.

3 Foerster/Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 1998, S. 140.

4 Bartens, Was hab ich bloß?, 2003, S. 31.

5 Pawlow, Vorlesungen über die Arbeit der Großhirnhemisphäre, 1953, S. 407.

6 Erckenbrecht, Maximen und Moritzimen,1991, S. 135.

7 Schwartz, Wie Pawlow auf den Hund kam, 1991, S. 58.

8 Busch, Maler Kleksel 2, 1884.

9 Vgl. Köhler, Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müsste ich lügen, 2005, S. 93.

(aus: Guss, Kurt: Humorvolle Psychologie. BUG, Borgentreich 2005.)


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