Ein Doppel im Humanistischen Psychodrama ist ein Gruppenmitglied, welches sich während der protagonistenzentrierten Arbeit in einem ganzheitlichen Kommunikationsprozess, der zusätzlich durch die körpersprachliche Angleichung unterstützt wird, in den Protagonisten einfühlt und so das innere Erleben sichtbar macht, der Gruppe vermittelt und beim Protagonisten Erkenntnis- und Einsichtsfähigkeit fördert.
Mit Hilfe des Doppels kann das fortschreitende Entdecken des eigenen Selbst-bildes, der eigenen Identität während des Protagonistenspiels auf der Bühne im Selbstgespräch dargestellt und erlebt werden. Der Protagonist führt Regie, das Doppel hat eine vermittelnde, unterstützende, helfende Funktion. Einsicht entsteht durch das eigene Handeln und Erleben des Protagonisten, die Vermittlung entsteht im Spiel.
Dieses Spiel wird möglich durch den ständigen Interaktionsprozess zwischen Doppel, Gruppenmitgliedern und Protagonist (Wirkung durch dynamische Prozesse innerhalb der Gruppe, Protagonistenspiel als gruppentherapeutische Intervention).
2. Dreidimensionalität
Die Aufgabe des Doppels wird bestimmt durch das Ineinandergreifen der gruppentherapeutischen, der individualtherapeutischen und der selbstreflexiven Dimension in einer Atmosphäre des Vertrauens.
In der Protagonistenwahl, im Doppeln, in der Mitwirkung der Hilfs-Ichs und im Sharing nimmt die Gruppe am Protagonistenspiel teil.
2.1 Lebensgeschichtliche und protagonistenorientierte Funktionen des Doppels
Das Doppel unterstützt den Spielverlauf und so den Protagonisten, indem das Doppel ihm in seinen Gestaltungen, seinem Erleben und Empfinden in den Spielszenen folgt, sich an der Ausdrucksarbeit beteiligt und gegenüber der Gruppe eine vermittelnde Funktion einnimmt. Des Weiteren hält es den Spannungsverlauf aufrecht und ermöglicht einen sich steigernden dramatischen Verlauf durch Intensivierung und Externalisierung des inneren Geschehens.
2.2 Selbstreflexive Bedeutung für das Doppel
Durch die ganzheitliche Einfühlung in die Erlebens- und Handlungswelt des Protagonisten und das eigene Erleben des inneren Prozesses erhält das Doppeln für das jeweilige Gruppenmitglied zusätzlich eine selbstreflexive Dimension.
2.3 Gruppentherapeutische und soziale Dimension des Doppels
Das soziale Doppel hat vermittelnde Funktion zwischen dem Protagonisten und der Gruppe. Durch das Doppel erfährt der Protagonist Offenheit und Begleitung von der Gruppe während des Spiels (Erfahrung der sozialen Bindung in der Selbstreflexion).
3. Formen und Eigenschaften des Doppels – Auswirkungen auf den Protagonisten
Das Doppel ist innerhalb des Spiels an der Erarbeitung des Ausdrucks beteiligt, es träg zur Erhaltung des kommunikativen Kontaktes zwischen dem Protagonisten und der Gruppe bei (bezieht sich mit verstehender Intention auf die Ausdrucksversuche des Protagonisten).
Nach einer empirischen Untersuchung von Hans-Werner Gessmann (1999) unterscheidet das Humanistische Psychodrama insgesamt 10 in ihrer Wirkung auf den Protagonisten abzugrenzende Doppeltypen, gekennzeichnet durch unterschiedliche Eigenschaften und Verhaltensweisen und inhaltlich scharf getrennt durch zwei Faktoren:
– spontan, Bezug zur Gruppe, hilft, Widerstände zu überwinden
Aktivierung, Erkenntnis, Klarheit, Hilfe
Typ 7
Beteiligtes Doppel
– angestrengt, selbst angesprochen
keine Wirkung
Typ 8
Unsicheres Doppel
– starr, verwickelt
Verkrampfung, Resignation, Verwirrung
Typ 9
Konfrontatives Doppel
– eilig, bevormundend, hastig
Konfrontation, Verwirrung, Unruhe, Erschütterung
Typ 10
Urteilendes Doppel
– verfolgt sein eigenes Konzept, drängt, will sich selbst verwirklichen
Konfrontation
4. Die Bedeutung des Doppels
Ziel des Doppels ist es,
dass der Protagonist eine Erweiterung seiner Selbstwahrnehmung erfährt,
sich ihm dadurch neue Verhaltens- und Erlebensspielräume öffnen,
er sich selbst aus neuen Perspektiven betrachten kann,
befriedigende Konzepte im sozialen, kulturellen und zeitlichen Kontext vorstellbar und (im Spiel) erlebbar werden,
und dass er diese Konzepte durch erweiterte Erkenntnismöglichkeiten realisiert.
Bestimmend hierbei ist das Doppel mit einer humanistischen Werthaltung – sowohl im Gruppenprozess (gruppentherapeutisch) als auch im Protagonistenspiel (individualtherapeutisch).
Das Doppel agiert emanzipiert-partnerschaftlich und gleichzeitig protagonistenzentriert. Auf dem Weg, im interpersonellen Prozess Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden, verständigt sich das Doppel mit dem Protagonisten verbal und körpersprachlich über seine Gefühle, Denkweisen, Wertvorstellungen – sowohl auf der emotionalen als auch auf der Handlungsebene. Dieser Prozess wird von der Gruppe miterlebt und mit-empfunden und daher im Doppeln weiter fortgeführt und variiert (sozialpsychologische Dimension des gruppentherapeutischen Prozesses).
In diesem Sinne ist das Doppel also integraler Bestandteil des Humanistischen Psychodramas, da über das ständige Feedback der Gruppe jedes Verhalten eines Einzelnen die Gruppe als Ganzes bewegt. Hier findet sich der Kontrast zum Klassischen Psychodrama, in dem das Doppel als Instrument des Leiters zur Steuerung der Protagonisten-Szene agiert.
Der Doppelprozess ist immer ein kommunikativer Prozess. Eigenschafen des Doppels und seine Wirkungen sind daher grundsätzlich in einem ganzheitlichen systemischen Kontext und in einer prozesshaften Veränderung zu sehen.