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Hans-Werner Gessmann - Was ist Humanistisches Psychodrama?

Nach einer nun fast 90jährigen Entwicklungsgeschichte des Psychodramas, ausgehend von J. L. Moreno, haben psychodramatische Methoden weltweit Eingang in vielfältige therapeutische, pädagogische und beratende Arbeitsfelder gefunden.

Auch das Psychodrama selbst - als älteste Gruppentherapie - wird inzwischen durch verschiedene therapeutische Schulen repräsentiert, die sich in ihren Ansätzen, Arbeitsweisen und Theoriebildungen unterscheiden, wie z. B. das Klassische Psychodrama (vgl. Leutz, 1980), das Behaviordrama (vgl. Petzold, 1974), das Tiefenpsychologisch fundierte Psychodrama (vgl. Ploeger, 1981) und das Humanistische Psychodrama (vgl. Gessmann, 1994).

Die klassische therapeutische Methode (vgl. Moreno, 1989) ist als triadisches System konzipiert: Gruppenpsychotherapie, Soziometrie und Psychodrama. Das Klassische Psychodrama als Gruppenpsychotherapie behandelt die biographisch-individuellen Problemstellungen mit Hilfe der Gruppenmitglieder. Die Soziometrie hilft bei einer produktiveren Integration, indem sie das Individuum in seiner sozialen Umgebung erforscht und Neupositionierungen möglich macht. Das Ziel der Aktionsmethode Psychodrama ist die Wiedererlangung von Spontaneität und Kreativität, um den Menschen aus erstarrten Lebensstrukturen zu lösen.

Das Humanistische Psychodrama dagegen versteht die Wirklichkeit des Individuums als ein Zusammenspiel seiner Eingebundenheit in soziale Beziehungen und seiner biographisch-individuellen Anteile. Diese seine individuelle Ausdruckslage trifft in der Psychodramagruppe auf die unterschiedlichen Ausdruckslagen anderer Individuen. Durch eine Gruppenbildungsphase entsteht eine Gruppenausdrucklage, in die der gesellschaftliche und kulturelle Kontext, die räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten und vor allem die biographisch-individuellen Anteile der Beteiligten eingehen.

In dieser interaktionellen Situation, der Gruppenausdruckslage, (als einer prozesshaften Integration von aktuell-sozialen und individuell-biographischen Anteilen) setzt das Humanistische Psychodrama an. Es ermöglicht Begegnung zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. Durch ein umfangreiches methodisches Repertoire (warming ups) bildet sich eine Gruppe, die thematisch nicht von vornherein festgelegt ist und in der jeder sich ausdrücken kann. In dieser Gruppe sammeln sich andere und mehr biografische Anteile als jeder einzelne der Anwesenden normalerweise zur Verfügung hat. Durch die leitende Begleitung des Therapeuten schaffen alle Gruppenmitglieder gemeinsam eine Therapiesituation, in der dem Einzelnen durch seine soziale Eingebundenheit in die Gruppe ein erweiterter Erfahrungs- und Handlungsraum zur Verfügung steht im Protagonisten- oder Gruppenspiel oder in themenbezogener Gruppenarbeit. Er kann seine aktuelle Situation gemeinsam mit den anderen Gruppemitgliedern neu formen und erleben und sich dadurch so verändern, wie er es möchte. Wenn die Balance zwischen eigener und sozialer Identität hergestellt wird, entsteht Spontaneität. Mit dieser neu gewonnenen Spontaneität kann er sich in der Welt einrichten und darin besser leben (vgl. Bottenberg, 1996, S. 176).