PIB-ZentrumFortbildungVeröffentlichungenInterkulturelle Therapie: Nichts tun und das perfekt

Interkulturelle Therapie: Nichts tun und das perfekt

Ketzerische Bemerkungen zur üblichen Beratungs- und Therapiepraxis

Hans-Werner Gessmann

 

Systemisches Arbeiten im interkulturellen Bereich zeigte mir: Wenn man in einer Therapie nichts tut, was man geneigt ist zu tun, wenn man in einer Kultur groß geworden ist, in der man gelernt hat zu helfen und zu heilen, so scheint es verblüffende Wirkungen zu haben. Wenn der Anspruch, besser zu wissen, die Wahrheit einer Störung zu erkennen, gekonnt zu intervenieren, zurückgestellt wird, ergeben sich neue Möglichkeiten für Änderungen.

Das Prinzip der Kooperation statt Denken über Widerstand und Verdrängungen

Jedes Verhalten ist sinnvoll und richtig in Bezug auf seine Funktion und Bedeutung innerhalb eines Systems.

Zeigt ein Klient das, was oft „Widerstand“ genannt wird, so ist das die aktuelle Form von Kooperation und heißt für den Therapeuten: „Denk daran, ich bin wichtiger als Du. Du musst wirklich verstehen, was ich meine.“ Der Therapeut ist also aufgefordert, das Verständnis des Klienten zu teilen.

Positive Konnotation entspricht diesem Prinzip.

Jedes (Problem-) Verhalten kann in seiner Bedeutung positiv konnotiert werden. Der Therapeut muss es schaffen, dies so zu tun, dass er selbst ehrlich davon überzeugt ist. Dann ist es möglich, dass positives Konnotieren auf den Klienten wirkt. Positive Konnotation ist zunächst für den Therapeuten selbst wichtig, damit er arbeiten kann. Wenn ein Verhalten positiv konnotiert wurde, muss es möglich sein, dass das verhalten bleibt, d. h. eine Lösung wird nicht mehr unbedingt im Verschwinden des Problemverhaltens gesehen.

Es wird also eine Unterscheidung zwischen verhalten an sich, Funktion und Bedeutung von Verhalten im Beziehungsnetz und der Person gemacht, die das Verhalten zeigt. Z. B.: Immer wenn ein Lehrer einer Klasse Aufgaben stellt, stört ein Schüler massiv. Eine positive Konnotation wäre: Der Schüler zeigt mir (dem Lehrer), dass ich jetzt genau erklären muss und mich um die kümmern muss, die sehr unter Druck stehen.

In einem Beratungsgespräch mit dem Lehrer müssten der Therapeut und Lehrer vom Sinn dieser positiven Konnotation überzeugt sein – Störungen stören nicht mehr , dann ist es möglich, dass ein Schüler ein neues Verhalten sucht, wenn der Lehrer in irgendeiner Form seine neue Sicht in der Klasse vermittelt.

Damit der Lehrer eine positive Konnotation von Schülerverhalten „übernimmt“, muss im Beratungsgespräch auch das Lehrerverhalten positiv konnotiert werden.

Paradoxe Interventionen sind nicht paradox

Sie widersprechen nur dem gesunden Menschenverstand. Paradoxe Interventionen sind eine konsequente Folge der positiven Konnotation. Es wird kein Problemverhalten verschrieben, sondern de positive Konnotation des Verhaltens. Paradoxe Intervention entspricht der Logik, dass ein beliebiges Verhalten Ausdruck einer zurzeit optimalen Anpassungsleistung eines Systems ist, also voll seiner Struktur entspricht, also eine Lösung ist. Problemverhalten, welches vom Therapeuten und Lehrer positiv konnotiert wurde, kann dann sozusagen vom Lehrer als Aufgabe gegeben werden: „Es ist wichtig, dass Du mir zeigst, dass ich jetzt genau erklären muss und da helfe, wo es nötig ist.“

Erklärungen, Tipps, Vorschläge, besseres Wissen bewirken in der Regel keine Änderungen.

Die Klienten haben sie vorher meist schon erfolglos zu hören bekommen und ausprobiert.

Neue Sichtweisen (Reframing usw.) bauen auf Bestätigung der alten Sichtweisen der Klienten auf.

Nur ein kleiner Teil im Gespräch ist neu. Dieser kleine Teil muss nicht ausgearbeitet, durchdrungen und ganz bewusst gemacht sein. Die Gefahr ist groß, dabei den „Fahrplan“ des Klienten zu verlassen. Andeutungen, fragende Haltung, passende Geschichten und Bilder sind viel wirkungsvoller als Ursachenerklärungen und Lösungsanalysen (z. B. Testpsychologie und Diagnostik). In der Regel wissen Lehrer und Eltern über Ursachen „wie es besser wäre“ gut Bescheid.

Von Klienten verlangte diagnostische Tests können vom Therapeuten jedoch so genutzt werden, dass neue Sichtweisen entstehen (z. B. Sprechen über Ergebnisse bevor der test gemacht wird).

Es ist sinnvoll mit dem Teil des Systems zu arbeiten, welcher am stärksten an Veränderung interessiert ist.

In der Schule ist dies meist der Lehrer, also nicht der Problemschüler oder das Problemelternhaus.

Veränderungen – z. B. in einer Schullasse – kann man immer sehen, wenn man (Lehrer, Therapeut usw.) offen und bereit dafür ist. Veränderungen bezüglich eines Problemverhaltens können mit unendlich vielen Dingen zusammenhängen, Veränderungen brauchen nicht verstanden werden. Manchmal kann man sie nur daran erkennen, dass keiner mehr von Problemen redet.

Veränderungen sind immer Änderungen im Sehen (Bedeutungen) und Änderungen im Handeln (Interaktionen).

In einer Beratung ist der Zugang für Veränderungen zu wählen, der dem Klienten passt.

Briefe, die Lehrer ihren Schülern schreiben, in denen neue Sichtweisen enthalten sind, können erstaunliche Wirkung haben. Vom Problemgespräch bis zu Briefformulierungen vergehen manchmal nur 30 Minuten. Briefe wirken nur, wenn schon beim Schreiben sich die Mutlosigkeit des Lehrers verändert.

Berater und Therapeuten sollten ein gutes Bild der kulturellen und sozialen Eigenarten der Region haben, in der sie arbeiten.

Z. B. gibt es in Schleswig-Holstein (dem nördlichsten Bundesland Deutschlands) viele Seemanns- und Soldatenfamilien. Trennung ist normal, Zusammensein kurz, selten und schwierig. Mütter kommen an Land mit allem besser klar als Väter, Väter sind aber „harte Männer“, die natürlich überall mit allem besser klar kommen als Frauen. Älteste Jungs sind oft zu Hause heimlich der „Boss“ usw.

Umfangreiche Notizen über Beobachtungen und Gespräche können für weitere Gespräche sehr hinderlich sein.

Der Berater oder Therapeut könnte geneigt sein, sich mit Hypothesen und Erklärungen auf ein festes Gleis zu begeben, wo keine Weichen mehr kommen. „Vergessen“ kann helfen, immer wieder neu zu kooperieren und bei den (sich ständig ändernden) Sichtweisen des Klienten zu bleiben. Bildhafte Notizen reichen für einen neuen „Anschluss“. Es kann soweit gehen, dass ein Klient (Lehrer) den Berater anruft, um über einen bestimmten Schüler zu sprechen, der Berater an einen anderen Schüler denkt, Anregungen und Bezug auf den anderen Schüler gibt und der Lehrer zufrieden ist, ohne dass das Missverständnis aufgeklärt wurde.

Leider fehlt der Platz für viele schöne Beispiele: Dennoch die schönsten ganz kurz:

Eine Lehrerin seiht ernste Probleme, weil ein kleines Mädchen zu oft weint. Sie selbst will keine Beratung, aber sie schafft es, dass Mutter und Tochter kommen. Die Mutter sieht kein Problem, das Mädchen ist sehr unsicher, vielleicht weil andere Probleme sehen. Das Mädchen macht eine Weinliste und findet im Gespräch heraus, dass Weinen ihr meistens Erfolg (Hilfe, Trost usw.) bringt.

Jeder Mensch hat seine Mittel, Hilfe und Trost zu finden. Jeder Mensch wechselt im Laufe der Jahre seine Mittel, je nachdem wie erfolgreich sie sind. Die Weinliste wurde im Laufe der Zeit immer kleiner. Im vierten und letzten Gespräch fordert der Berater das Mädchen auf, auf keinen Fall das Weinen zu verlernen, bevor sie neue gute Mittel hat, und stellt die Aufgabe, dass sie an den nächsten drei Tagen erfolgreich weinen soll, wo es eigentlich nichts zu weinen gibt. Das Mädchen fängt in diesen Momenten an zu weinen und die Muter tröstet es.

Ein Lehrer ist verzweifelt über einen gewalttätigen Schüler (tägliche Prügeleien, Einschüchterungen usw.). Alle Reaktionen des Lehrers hatten keinen Erfolg (Gespräch, Drohung, Strafe, Verständnis usw.). Der Lehrer erzählt dem Berater, was er über den Schüler und andere Kinder weiß. Daraus formulieren Berater und Lehrer einen Brief an den Schüler, in dem ach einige neue Gedanken, die sich im Gespräch ergeben haben enthalten sind. Der Lehrer soll de Schüler nach der nächsten Prügelei geben. Der Brief lautet:

„Lieber Alexander. Ich weiß von Dir, dass Du von den fast 15 Jahren, die Du schon lebst, 13 Jahre lang von anderen Menschen, auch von Deinen Mitschülern, unterdrückt und geprügelt worden bist. Deshalb ist es für mich so notwendig zu erleben, dass Du Dich wehren kannst. Das machst Du, indem Du jetzt Schwächere unterdrückst und verprügelst. Leider musst Du dabei ein schlechtes gewissen haben, denn Du weißt genau, wie es ist, wenn man unterdrückt wird. Ich weiß, dass es für Dich zurzeit sehr schwierig ist zu leben. Dein Lehrer“

Nach einigen Wochen ruft der Lehrer den Berater an und fragt, wann er dem Schüler den Brief geben solle, dieser habe sich nicht mehr geprügelt.

Ein „sprachloses“ Heimkind mit einer Vergangenheit wie Krieg lacht und redet, nachdem der Berater die vielfältigen Sicherheitsvorkehrungen einer Grubenlampe aus dem Bergbau demonstriert. (Glas, Metall, verschraubt, vernietet, Filter, Siebe usw.), die das kleine Öllämpchen bei allen Wetterlagen (Klima unter Tage im Bergbau) brennen lassen, und dies lieb gewonnene Öllampe mit dem Jungen vergleicht.

 

Literatur

Braukmannn, Ludger: Entwicklung eines Konzeptes schulpsychologischer Arbeit. Zeitschrift für systemische Therapie, 4, 85

Molnar, Alex; Lindquist, Barbara: Erkenntnisse über Verhalten und Strukturen verbinden – ein systemischer Ansatz, die Leistungsfähigkeit der Schule zu erhöhen. Zeitschrift für systemische Therapie, 1, 84