PIB-ZentrumFortbildungVeröffentlichungenLebenssichtlinie

Lebenssichtlinie - eine Praxisanleitung zur Durchführung

Hans-Werner Gessmann

 

Einführung

Die Lebenssichtlinie im Humanistischen Psychodrama stellt eine Methode dar, die dem Gruppenteilnehmer die Möglichkeit gibt, sei ne Lebenssicht zu konkretisieren, mit dem Ziel, sie kennenzuler nen, sich damit auseinanderzusetzen und sie zu bestätigen oder zu verändern.

Die Methode der Lebenssichtlinie ist am ehesten vergleichbar mit der Methode des Sozialen Atoms und steht zu ihr in einem bestimmten Verhältnis.

Wie beim Sozialen Atom aus einer Vielzahl von Personen der sozialen Umgebung diejenigen auswählt werden können, die dem Protagonisten die wichtigsten sind, und so, wie der Protagonist ihren Wert für sich durch ihre Größe, die Entfernung zu seinem eigenen Symbol und der Art der Verbindungslinie festlege, entscheidet sich bei der LSL der Protagonist hier aus einer Fülle von Lebensereignissen für die, die ihm die bedeutsamsten sind und beschreibt anhand der Gefühlsskala, welche Erlebnisqualität sie für ihn haben. Die Beziehung zwischen beiden Methoden besteht demnach zum einen darin, daß die subjektive Bedeutsamkeit (von Personen bzw. Ereignissen) konkretisiert wird, zum anderen durch ihren gemeinsamen Bezug auf die Lebenszeit.

Während sich das gezeichnete Soziale Atom immer auf einen bestimmten Zeitpunkt innerhalb des Lebenszeitraums bezieht, umfaßt die angefertigte Lebenssichtlinie eine sehr lange Zeitspanne (z. B. von der Geburt bis zur Jetztzeit), in der viele wechselnde Soziale Atome denkbar sind.

Die Verknüpfung der beiden Methoden ist möglich und sinnvoll, z. B. könnten, ausgehend von wichtigen Ereignissen auf der Zeit leiste, zu verschiedenen Lebenssituationen Soziale Atome aufge zeichnet oder aufgebaut werden, um sie z. B. anschließend miteinander zu vergleichen. Oder es könnte bei Besonderheiten, die in einem Sozialer Atom auffallen, wie zum Beispiel der Ausbildung eines bestimmten Beziehungsmusters, untersucht werden, ob sich gleiche oder ähnliche Strukturen noch an anderer Stelle auf der Lebenssichtlinie wiederfinden.

Dieser Artikel richtet sich an Gruppenleiter und -therapeuten, die mit den Regeln und Methoden des Humanistischen Psychodramas vertraut sind, und die in ihren Gruppen mit der Le benssichtlinie arbeiten möchten. Es wird vorausgesetzt, daß jeder, der die Lebenssichtlinie einsetzt, in seiner Ausbildungszeit Selbsterfahrung damit gemacht und sie reflektiert hat, so dass hier vor allem auf die methodischen Aspekte ihrer Anwendung bezug genommen werden kann.

Die Anleitung zur praktischen Einführung der Lebenssichtlinie ist für die unterschiedlichen Psychodramagruppen bestimmt. Damit ist die Hoffnung verbunden, zur Vereinheitlichung in der formalen Gestaltung der Lebenssichtlinie beizutragen. Wenn dem Gruppenmitglied bei der Anweisung zur Anfertigung der Lebenssichtlinie auch wenige Vorgaben gemacht werden, so haben diese doch jeweils eine bestimmte Bedeutung, die nicht willkür lich verändert werden kann, ohne daß sich das Konzept der Lebens sichtlinie mit verändert. Zum anderen ermöglicht eine gleiche Ausgangssituation beim Umgang mit der Lebenssichtlinie, daß die Arbeit mit ihr unter Gruppenleitern besser diskutiert werden kann. Danach werden Anregungen für Möglichkeiten der Weiterarbeit nach der Einführung der Lebenssichtlinie gegeben. Dabei erscheint es sinnvoll, entsprechend der Ziele der Gruppenarbeit zwischen verschiedenen Gruppen zu unterscheiden.

Es gibt die Lebenssichtlinie seit 1983, und sie ist seither schon oft angewendet worden. Diejenigen, die bisher damit gearbeitet haben, berichten davon, wie intensiv sich Gruppenteilnehmer damit auseinandersetzen und welche Vielfalt von methodischen Möglichkeiten sich aus dieser Methode für das Psychodrama ableiten lassen. Diese methodischen Ansätze zusammenzutragen und immer wieder, an der Praxis orientiert, zu ergänzen und zu verbessern, ist das Ziel.

Wie die Methode der Lebenssichtlinie entstanden ist

Der konkrete Anlass für die Entwicklung der Lebenssichtlinie ergab sich aus dem Bedürfnis, schon sehr bald nach Beginn der Gruppentherapie mehr Klarheit über die individuelle Erlebnisweise und über die Entwicklung einer persönlichen Lebenssicht bei den einzelnen Gruppenteilnehmern zu gewinnen.

Bei Vorgesprächen zu einer Gruppentherapie machten Lisa Kupas und Mariele Schmitz-Gessmann häufig die Erfahrung, daß Klienten ihr Leiden als etwas Fremdes erlebten, was ihnen von außen aufgezwungen war, auf das sie keinen Einfluß hatten und dem sie ganz ausgeliefert waren. Sie sahen die Ursache ihres Leidens oft in äußeren Ereignissen, ohne auf die eigenen Erlebnisweise zu rekurrieren.

Sie berichten von Anna als Beispiel für eine Klientin, die indirekt den Anspruch vermittelte, von ihrem „unangemessenen Leiden“ befreit zu werden. Da sie sehr am Sinn ihres momentanen Lebens zweifelte, und in den ersten Gesprächen deutlich wurde, daß die Trennung von dem Freund allein das Ausmaß ihres depressiven Empfindens nicht begründen konnte, waren die Therapeutinnen interessiert, mehr über Anna und ihrem Leben zu erfahren, um so unter Umständen größere Aufklärung über Annas Erleben zu erlangen.

Im wesentlichen führten drei Aspekte dazu, für das Humanistische Psychodrama ein eigenes "Diagnoseinstrument" zu schaffen.

1. Die meisten gängigen klinischen Diagnoseverfahren waren sehr oft an einem medizinischen Krankheitsbild orientiert mit eindimensionalen Kausal¬zu¬sam¬men-hängen als Verursachungsmodell. Sie hatten nicht die konstruktivistische Sub¬jek¬tivität des menschlichen Erlebens im Blick, sondern versuchten jeweils Teilaspekte von Persönlichkeit objektiv zu vermessen.

2. In allen Diagnoseverfahren wird der Therapeut zum „Beobachtenden“, „Wissenden“. Die Diagnose stellt keine Selbsterfahrung für den Klienten dar, er kann sie für sich selbst nicht nutzbar machen. Er ist darauf angewiesen, vom Therapeuten „begutachtet“ bzw. „behandelt“ zu werden. Diese Verfahrensweisen konnten unter zwei Gesichtspunkten nicht akzeptiert werden: Sie waren weder emanzipatorisch, noch genügten sie den Anforderungen der Therapeutinnen, diagnostische Erkenntnisse prozesshaft therapeutisch zu nutzen.

3. Alle Diagnoseverfahren entsprachen nicht dem Humanistichen Psychodrama, in dem nicht so sehr ein theoretisches Konzept oder die Fach¬kom¬pe¬tenz des Therapeuten im Mittelpunkt des Ver¬än¬de¬rungs¬prozesses steht, sondern der handelnde Protagonist, indem er seine subjektive Welt mit Hilfe des Therapeuten und der Gruppe konkret gestaltet und verändert, er innerhalb des Grup¬¬penprozesses die Verantwortung für seine Selbsterforschung, seine Therapieziele und die Umgestaltung seiner Lebenssicht und umstände selbständig übernimmt.

Vorüberlegungen bei der Konzeption der Lebenssichtlinie

Bei der formalen Gestaltung der LSL gingen die beiden Therapeutinnen davon aus, daß das Leben eines jeden Menschen üblicherweise zwischen Geburt und Tod, beziehungsweise bis zum jeweils aktuellen Lebenszeitpunkt gedacht wird. Sie nahmen an, daß dieser Lebenszeitraum an einer Zeitachse entlang als Kontinuum erfahren wird, das ihn als einzelnen bestimmt und beeinflußt. Die gezeichnete Lebenslinie greift diese Zeiterfahrung auf.

Im Erleben des Einzelnen gibt es neben der Kenntnis vom objektiven Zeitverlauf das subjektive Erleben der Lebenszeit. Wenn der Klient sein Leben rückwirkend betrachtet, denkt er weniger an den objektiv gleichbleibenden Zeitablauf, sondern ihm fallen vergangene Ereignisse ein, denen er von seinem jetzigen Standort aus besondere gefühlsmäßige Bedeutung gibt. Er strukturiert sein Leben anahnd dieser Ereignisse, seiner Lebenssichtweise entsprechend.

Diese subjektive Gestaltung zeigt sein Lebensthema, seine Lebenseinstellung und das, was er erwartet. Dabei neigt er dazu, seinen Erfahrungen objektive Bedeutung beizumessen und damit seine Zukunft zu prägen.

Der Klient ist im Verständnis des Humanistischen Psychodramas nicht zu behandelndes Objekt, sondern Subjekt, das den Ist-Zustand seiner Lebenssicht aus seinem subjektiven Erleben heraus gestaltet, es damit sich selbst zugänglich macht. und es auch in eine Form faßt, die andere Menschen verstehen können.

Er gestaltet seine Lebenssichtlinie möglichst unbeeinflusst vom Therapeuten oder von Gruppenmitgliedern in eigener Verantwortung und Aktivität.

Durch die Veräußerung kann er an der Lebenssichtlinie sein inneres Erleben erfahren, klären, und im Laufe der Zeit Korrekturen und Veränderungen vornehmen.

Wie wird die Lebenssichtlinie gestaltet?

Lisa Kupas und Mariele Schmitz-Gessmann haben sich beim Aufzeichnen der Lebenssicht auf ein kariertes DIN A3 Blatt mit der Markierung von -10 bis +10 festgelegt in dem Bewußtsein, das diese Wahl willkürlich ist und mehr der Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit von Lebenssichtlinien dient.

Die Vergleichbarkeit gewinnt für den Klienten an Bedeutung, wenn ihm mehrere Lebenssichtlinien, die er zu verschiedenen Zeitpunkten angefertigt hat, vorliegen.

Die Lebenssichtlinie ist also kein objektives Meßinstrument, aber ein Instrument zur Bestandaufnahme seiner momentanen Lebenssicht, zur Auseinandersetzung mit ihr und zur Veränderung mit hohem subjektivem Wert für den einzelnen selbst und die, denen er anhand der Lebenssichtlinie Einblick in sein Erleben gewährt.

Beispiel für die Anwendung der LSL nach einem Erstgespräch

Anna, von der schon die Rede war, zeigte sich an einer Gruppentherapie interessiert. Sie wurde zu einer Vorbesprechung mit den Therapeuten (Leiter und Co-Leiter der Gruppe) gebeten. So konnte sie diese schon einmal kennenlernen, was ihr den möglichen Einstieg in die Gruppe erleichtern sollte. Sie konnte formale und inhaltliche Fragen zur Gruppenarbeit stellen und vor allem, bevor sie sich entscheiden sollte, erleben, welche Vorstellungen die Therapeuten von der Therapie und den therapeutischen Beziehungen in der Gruppe hatten.

Zunächst verschaffte sie sich etwas Erleichterung, indem sie erneut weinend unter häufigen Wiederholungen von ihren Schwierigkeiten erzählte. Sie war - wie sie den Therapeuten später erzählte - etwas verwirrt und frustriert darüber, daß diese ihr zwar teilnehmend zuhörten, ihr aber weder Trost noch gute Ratschläge anboten, auch nicht für sie und gegen ihren Freund Position ergriffen. Nach angemessener Zeit ließ sie sich darauf ein, nicht weiter über ihre jetzige Situation und ihre Zukunft zu sprechen, sondern die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens auf einer "Lebenssichtlinie" eines DIN A3 Blattes nach ihren subjektiven Vorstellungen einzutragen. Nach einigen wenigen weiteren Anweisungen, zum Beispiel die Stärke ihres Gefühls bei dem jeweiligen Ereignis nach einer Skalierung von -10 bis +10 zu markieren und zu benennen, zogen sich die Therapeuten zurück.

Ihre Absicht war es - worüber die Therapeuten später mit ihr auch sprachen - sie zunächst aus ihrem Gedankenlabyrinth zu befreien, indem ihr eine Methode angeboten wurde, ihre Lebensvorstellung zu strukturieren. Sie gewann dadurch etwas Distanz zu sich selbst. Ihre Erwartung, daß die Therapeuten ihr direkte Hilfe böten, oder sie zumindest in Aussicht stellten, konnte sie zurückstellen, weil sie selbst aktiv etwas zur Klärung ihrer Situation tun konnte, indem sie ihre Lebenssicht konkretisierte.

Wenn sie erst den Therapeuten bei derem methodischen Vorschlag gefolgt war, so war sie danach bei der Beschreibung ihrer Lebenssichtlinie "Experte". Die Therapeuten fragten und versuchten zu verstehen, was ihre Eintragung für sie bedeuteten; sie bemühte sich darum, ihre Erfahrung verständlich auszudrücken und zu präzisieren.

Im gemeinsamen Prozess der Erforschung ihres Lebens und ihrer Lebenssicht fiel als erstes auf, dass häufiger Phasen "himmelhochjauzenden Glücks" mit solchen "tiefer Abstürze" vorkamen, und daß immer Männer beteiligt waren, als erster im Alter von sechs Jahren - ihr Vater.

Ihr Interesse war geweckt, herauszufinden, ob bei anderen Menschen das Phänomen ebenso aufträte, oder ob es nur mit ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte zu tun hätte. Die Therapeuten unterstützten sie darin, daß sie das und anderes noch weiter mit Hilfe der Gruppe erforschen könnte.

Nachfolgend möchte ich eine aufgezeichnete Lebenssichtlinie als Beispiel zeigen und anschließend im Rahmen eines Rollentausches erläutern:

 

Zunächst gewinnt jeder, der sich mit einer Lebenssichtlinie beschäftigt (ob Therapeut oder Gruppenmitglied) einen Gesamteindruck (der hier geschilderte weicht aus drucktechischen Gründen von der grafischen Darstellung oben ab):

 

a) Zum Gesamteindruck

Das Blatt ist voll ausgenutzt, die Linie erstreckt sich von der Geburt bis zur Gegenwart, sie verläuft rückläufig, die Einteilung entspricht ungefähr dem zeitlichen Verlauf der Ereignisse. Die Skalierung ist nicht eingehalten worden. Im negativen Bereich schwanken die Abstände in der Skalierung. Im positiven Bereich ist zunächst die Skalierung symmetrisch zur negativen Skalierung angefangen, dann wurde mit einer neuen Skalierung begonnen. Sie ist relativ regelmäßig, geht aber nur bis 9. Auf dem Blatt findet sich die Angabe von +10, die am Rand im Wert von + 9 steht.

Die Handschrift ist klein, lesbar, die Lebensabschnitte sind gegliedert. Insgesamt werden 15 Ereignisse mit Gefühlen benannt, ein Ereignis, ihre Geburt, verbleibt ohne Gefühlsangabe.

Die Kindheit bis zum Wechsel in das Gymnasium verbleibt ohne bedeutsame Situationen und Gefühle.

 

b) Annäherung an das Erleben des Protagonisten durch Doppeln unter besonderer Berücksichtigung der Beziehungen

Zur Geburt äußere ich keine Gefühle. Ist niemand da, auf den ich meine Gefühle richten könnte? Bin ich nicht willkommen? Weiß ich das nicht? Halte ich meinen Eintritt in das Leben nicht für wichtig, nicht für Wert, bedacht zu werden? Will ich mich nicht gefühlsmäßig einlassen, will ich noch abwarten, was die Welt mir zu bieten hat?

Über meine Kindheit schweige ich mich aus, oder erinnere ich mich nicht an besondere Ereignisse? Sind keine Menschen da, mit denen ich gefühlsmäßig verbunden bin?

In der Grundschulzeit hat sich nichts besonderes ereignet. Wenn ich zum Gymnasium wechsle, fühle ich Einsamkeit, die Gleichaltrigen sind mir fremd, ich spüre Distanz.

Der Großvater stirbt, das versetzt mich in Angst. Ein für mich wichtiger Mensch ist nicht mehr da, ich fühle mich verloren, ausgesetzt.

Über meine Schulzeit spreche ich nicht. Ich äußere auch keine Gefühle dazu. Warum?

Ich muss mich räumlich trennen. Jetzt habe ich keine Person mehr, auch die Umgebung ist mir nicht mehr vertraut. Ich bin gänzlich allein, ohne die Möglichkeit, mir Beziehungen zu schaffen.

Mir ist etwas passiert, was mich erniedrigt. Ich bin Opfer der Sitiuation, ohne Wert. Durch die Geburt meines ersten Kindes bin ich in eine ausweglose Situation geraten, die mich von anderen abtrennt, die mir Angst macht und der ich nicht gewachsen bin und aus der ich allein nicht herauskomme.

Ich habe mit dem Umzug nach Canada eine Entscheidung getroffen. Ich will das Quälende hinter mir lassen, will etwas ganz Neues machen. Ich habe die Hoffnung, das alles besser wird.

Über das Zurückliegende will ich gar nichts sagen, jedenfalls macht es mich ruhiger, zurückzukommen und mich vom Partner zu trennen.

Ich beginne mein Studium. Ich setze besser auf meine eigenen Fähigkeiten und Kräfte. Das gibt mir Sicherheit und Selbstvertrauen.

Der Tod meiner Großmuter erfüllt mich mit Traurigkeit.

Ich bekomme wieder ein Kind. Was andere Frauen mit Freeude erfüllt, gibt mit wieder das Gefühl der Erniedrigung. Wieder verlasse ich mein Umfeld und ziehe weg.

Alles, was ich bisher erlebt habe, macht mich ganz krank. Meine Krankheit füllt mich mit Angst aus.

Eigenartigerweise gibt mir die Scheidung Sicherheit. Ist es deswegen, weil ich es geschafft habe, eine belastende beziehung endgültig abzuschließen? Ich fühle ich mich besser.

Ich beginne eine neue Ehe. Aber meine Ehe betrachte ich als Unglück für mich. Ich bin erniedrigt, aber ich sehe keinen anderen Ausweg.

Ein vierter Umzug gibt mir neue Hoffnungen auf Verbesserung. ich hoffe für mich, selbst etwas tun zu können.

Es wird mir etwas wegoperiert. Ich erlebe ausschließlich Angst und Einsamkeit. Wieder ist die alte Angst da, sie wird immer größer. Meine Einsamkeit läßt sich nicht mehr steuern.

Ich begine eine Therapie. Vielleicht gibt es für mich noch eine Möglichkeit, aus meiner Angst, Einsamkeit und Erniedrigung herauszukommen.

 

Was bedeutet die Aufzeichnung der LSL für den Einzelnen in der Gruppe?

Da sich im Humanistischen Psychodrama der Leiter mit seinen Methoden am Protagonisten orientiert sollte, sollte er grundsätzlich einen Rollentausch mit der Gruppe und den einzelnen Gruppenteilnehmern machen, damit er sie verstehen und begleiten kann.

Das heißt hier: Es muss sich für ihn klären, welche neuen Erfahrungen die Einzelnen in der Gruppe machen werden und wie ihnen dabei zumute sein könnte.

Dabei bezieht sich der Leiter auf seine Erfahrungen. Einmal hat er sich selbst während seiner Ausbildung mit der Lebenssichtlinie beschäftigt, zum anderen läßt er ja immer wieder von den Gruppenteilnehmern aussprechen, wie es ihnen bei der Aufzeichnung der Lebenssichtlinie ergangen ist. Wenn der Leiter gefühlsmäßig dicht bei den Einzelnen in der Gruppe ist, wird er frei sein für noch Neues, Unvorhergesehenes, das in jeder neuen Gruppe auftritt (z. B. zornige, ablehnende Gefühle, plötzliches Lachen , Seufzen, Apathie usw.), es einfühlsam deuten und damit im Sinne des Gruppenmitgliedes umgehen (es ansprechen, nichts dazu sagen, eventuell für spätere Gespräche merken, durch Körperkontakt oder Doppeln Unterstützung geben ...).

Zur Veranschaulichung soll hier der Rollentausch mit einem Gruppenmitglied stehen, der vielleicht so aussehen könnte:

"Ich heiße Erika und habe schon einmal an dieser Gruppe teilgenommen. Ich fühle mich ganz wohl mit den anderen und glaube, daß ich den Leitern vertrauen kann. An den letzten Abenden kam mehrmals das Thema auf die Eltern.

Heute soll ich wichtige Ereignisse aus meinem Leben aufzeichnen. Das will ich ja auch gerne machen, aber es ist nicht so einfach. Erst einmal komme ich mir vor wie in der Schule vor einer Klassenarbeit und zögere anzufangen. Wenn ich das leere Blatt ansehe, habe ich Zweifel, ob ich die Aufgabe lösen kann und die Aufgabe richtig mache. Es ist so wenig vorgegeben, nur daß wir zu den Ereignissen schreiben sollen, wie wir sie erlebt haben.

Die anderen arbeiten zum Teil schon, da fang ich am besten auch an, damit ich rechtzeitig fertig werde. Eigentlich macht es Spaß, Begebenheiten aus meinem Leben zusammenzutragen. Da kommt mir eine Fülle von Erinnerungen, angenehme und unangenehme. Wo soll ich nur anfangen? Am besten doch bei der Geburt, den ohne sie wäre ich ja gar nicht da. Aber welche Ereignisse trage ich ein? Alle passen nicht auf die Linie, ich muß also auswählen. Was war wichtig für mich? Komisch, daß ich die meisten Erinnerungen an die Kindheit habe und von der Schulzeit fast nichts mehr weiß. Wie mag das kommen? Mir fällt auf, daß ich von meinem heutigen Standpunkt aus gar nicht mehr verstehen kann, wieso ich manche Dinge so schwer genommen habe. Heute denke ich ganz anders darüber. Was mache ich nur? Soll ich sie gefühlsmäßig so einordnen, wie ich sie heute sehe, oder wie ich sie damals erlebt habe? Gern würde ich die Leiter fragen. Ich schaue zu ihnen hinüber, aber die machen keine Anstalten, sich um mich zu kümmern. Eigentlich kann ich das auch allein entscheiden. Also, das Erlebnis in meiner Kindheit war wirklich schlimm für mich damals, -7. Heute würde ich natürlich anders damit umgehen, aber mich als Kind hat das damals sehr beeinträchtigt. Anders ist es mit dem Liebeskummer. Damals hätte ich meine Gefühle sicher bei -10 untergebracht. Aber wenn ich heute überlege ... So schrecklich war das eigentlich gar nicht. Ich habe mich in negative Gefühle geradezu hineingesteigert und war auch einige Tage sehr unglücklich. Aber dann hatte ich ihn doch sehr schnell wieder vergessen. Also: höchstens -3.

Seltsam, was mir plötzlich alles einfällt, das ich schon vergessen hatte. Die Geschichte mit meinem Bruder steht mir wieder vor Augen. Jahrelang habe ich nicht mehr daran gedacht. Und jetzt fange ich sogar an zu weinen. Die Erinnerung überwältigt mich geradezu.

Es war gut, daß der Leiter gekommen ist, um mich zu doppeln. Jetzt geht es mir etwas besser, und ich kann weiterarbeiten.

Der Tod meiner Mutter war auch sehr traurig für mich. Es ist immer tragisch, wenn man seine Mutter verliert! Auf der anderen Seite - wenn ich ehrlich bin - war ich auch etwas erleichtert. Hatte ich doch endlich mehr Freiraum für mich. Damals hätte ich ein positives Gefühl dabei nicht zugeben können. Heute aber wohl. Wie notiere ich das? Trauer - 8 und Freude +2 gleichzeitig? Nein, ich habe diese Gefühle ja nicht isoliert erlebt. Aber die heimliche Erleichterung hat die Trauer nicht so abgrundtief sein lassen, also -6.

Ich habe gar nicht mehr auf die anderen geachtet, so sehr war ich bei meinen Gedanken. Einige sind schon fertig, andere zeichnen noch. Wenn ich mein Leben so betrachte, war es anfänglich ein heftiges Auf und Ab. In der letzen Zeit verläuft die Kurve etwas ebener. Wie mag das wohl bei den anderen sein? Ich bin etwas erschöpft, als hätte ich eine große Arbeit geleistet. Gut, daß ich mich noch ein wenig zu den Leitern in den Kreis setzen und meinen Erinnerungen nachhängen kann, bis es weitergeht. Mich werden noch viele Fragen beschäftigen, aber ich bin auch daran interessiert, was die anderen erlebt haben."

Gestützt auf frühere Erfahrungen, die der Leiter sowohl beim Aufzeichnen sowohl seiner eigenen Lebenssichtlinie als auch beim Umgang mit verschiedenen Gruppen bereits gemacht hat, stellt er Vermutungen über das Erleben der anwesenden Gruppenteilnehmer an, die er immer wieder an körpersprachlichen und verbalen Äußerungen der einzelnen überprüft und korrigiert.

Dieser Prozess des Nachdenkens und Einfühlens, des Vermutens und Überprüfens, der niemals abgeschlossen ist, liefert Hinweise für das methodische Vorgehen. Aber auch die methodischen Überlegungen bedürfen der permanenten Infragestellung und Anpassung an die wechselnden Bedingungen in der Gruppe.

Schlussfolgerungen für den Leiter

Im Humanistischen Psychodrama hat der Leiter die Verantwortung für die Vorgehensweise im Gruppenprozess, wobei er sich für die Auswahl seiner methodischen Schritte am Protagonisten - der Gruppe - orientiert. Deswegen ist es zunächst notwendig, sich in den Einzelnen und die Gruppe, die die Lebenssichtlinie anfertigt, einzufühlen, um herauszufinden, was das Aufzeichnen für sie bedeutet, um sie zu verstehen und um theoretische und methodische Folgerungen daraus abzuleiten.

Zusammenfassung

Die Anfertigung der LSL ist für das Gruppenmitglied eine intensive, eigenverantwortliche, gedankliche und gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit seinem Leben: Die erneute Beschäftigung mit einer Vielzahl sehr unterschiedlicher, bedeutsamer Ereignisse, und die Vergegenwärtigung und Auseinandersetzung mit erlebten Gefühlen, konzentriert im jetzigen Lebensgefühl, gegenwärtiges, vergangenes und eventuell vermutetes zukünftiges Erleben, konkretisiert es und macht es damit dem Einzelnen seiner Bearbeitung zugänglich.

Die Intensität der Erfahrung bei diesem Prozess entsteht zum einen durch die andere Art der Betrachtungsweise, diesmal nicht gedanklich oder verbal - sondern im Vollzug der Aufzeichnung von Ereigniossen und sie begleitenden Gefühlen, die neue gedankliche und gefühlsmäßige Aspekte zum Vorschein bringt. Zum anderen entsteht sie durch die Methode der Externalisierung, die dem Gruppenmitglied gleichzeitig eine bewertende Auswahl aus dem Erlebten abfordert. So macht sie eine neue Art der Auseinandersetzung aus einer gewissen Distanz möglich.

Da bei der Anfertigung der LSL natürlich nicht das ganze Leben aufgezeichent werden kann, muß das Gruppenmitglied sich auf einige Ereignisse beschränken. Das scheint zunächst schwierig zu sein, da es aus der Fülle des Erlebten eine Auswahl treffen muß. Das führt aber dazu, daß es letztendlich auf bedeutsame Erfahrungen stößt, die es festhält und danach gefühlsmäßig bewertet. Diese Bewertung der Bedeutsamkeit von Erfahrungen und ihre gefühlsmäßige Qualität spiegelt die Bewertung seines erlebten Lebens, seine Lebenssicht wieder. Diese Lebenssicht wird aus der Gegenwart heraus gebildet und in der LSL festgehalten. (Zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem das Gruppenmitglied weitere Erfahrungen gemacht hat, könnte es eine ganz andere Gewichtung der Ereignisse und Gefühle vornehmen, womit sich auch die Lebenssicht/-linie veränderte.)

Methodisch betrachtet kann das Aufzeichnen der LSL, das eine gründliche Beschäftigung mit dem eigenen Leben beinhaltet, als für sich stehende Handlungsphase gesehen werden. Es kann aber auch darüber hinaus als Erwärmung für weitere Handlungsphasen aufgefaßt werden, da es für den Einzelnen sowohl Fragen zum eigenen Leben aufwirft, die weiter bearbeitet werden können, als auch Interesse am Austausch von Erfahrungen mit andere Gruppenmitgliedern weckt, sowie am Vergleich der eigenen LSL mit anderen.

Praktische Anleitung für Gruppenleiter zum Einsatz der Lebenssichtlinie in Gruppen

Nachdem die individuelle Erwärmung und die für die Gruppe stattgefunden hat, bekommt jeder Gruppenteilnehmer einen DIN A3 Bogen aus kariertem Papier (sogenannten Kanzleibogen), dazu einen spitzen Stift ausgehändigt, mit dem gut lesbar zu schreiben ist. Lineale sollten zur Verfügung stehen, sowie einige Ersatzbögen.

Der Gruppenleiter erklärt zunächst, wie die LSL angefertigt werden soll. Name, Datum, Ort, eventuell Alter schreibt jeder auf die Rückseite. Der Leiter läßt dann die Gruppe selbständig arbeiten, zieht sich am besten im Raum zurück, bleibt aber für Nachfragen erreichbar. Er hält Blickkontakt mit den Einzelnen in der Gruppe, um zu sehen, ob er eventuell gebraucht wird.

 

Der Wortlaut zur Arbeitsanweisung könnte so sein:

"Ich möchte Euch bitten, auf diesem Bogen die Vorstellung aufzuzeichnen, die Ihr von Eurem Leben habt. Ich werde erklären, wie Ihr das machen könnt. Die geknickte Mittellinie, die Ihr eventuell mit dem Stift nachzieht, soll die Zeitleiste werden, auf der Ihr die Ereignisse Eures Lebens markiert, die Euch - aus Eurer heutigen Sicht - die wichtigsten gewesen sind. Auch die Zwischenräume zwischen den einzelnen Begebenheiten müssen nicht dem objektiven Zeitablauf entsprechen, sondern können so sein, wie Ihr sie als richtig empfindet."

(Es steht den Teilnehmern frei, ob sie den Bogen von rechts nach links oder von links nach rechts bearbeiten, ob sie beim Zeitpunkt der Geburt, früher oder später beginnen, ob die Zeitleiste bis zur Jetztzeit oder bis zum Tod dauert usw. Wenn Fragen hierzu gestellt werden, sollten sie individuell und kurz beantwortet werden. Zum Beispiel: "Mach' es so, wie es Dir richtig zu sein scheint", oder "Wenn Du willst, kannst Du es so machen!" Nicht allgemein und ausführlich darauf eingehen, um die Einflussnahme möglichst gering zu halten.)

"Wenn Ihr die wichtigsten Ereignisse Eures Lebens auf der Zeitleiste markiert und beschriftet habt, macht bitte senkrecht dazu vorn oder hinten eine Skala von +10 bis -10. Ihr könnt dann jeweils oberhalb oder unterhalb der Markierung jedes einzelnen Ereignisses durch ein Kreuzchen kenntlich machen, wie stark Euch das Ereignis gefühlsmäßig berührt hat." Eventuell Beispiele zeigen. "Schreibt daneben, welche Gefühle und Gedanken es bei Euch ausgelöst hat. Zum Abschluß könnt Ihr die Kreuzchen der Reihe nach miteinander verbinden, so daß eine Linie entsteht. Es wäre gut, wenn jeder für sich allein arbeitet. Es bleibt hinterher Gelegenheit, die verschiedenen Lebenssichtlinien miteinander zu vergleichen und miteinander zu sprechen."

 

Raster I Einführung der LSL in beliebigen Gruppen

Zeit: ca 1 1/2 bis 2 Stunden

Verlauf Methodische Überlegungen Intention des Leiters

Freies Gespräch: (vor Beginn)

- und / oder -

Partnergespräch:

Was war in der letzten Woche für mich wichtig?

Runde:

Das Wichtigste nennen, das Du im Gespräch vom anderen erfahren hast.

Runde:

Leiter: Schaue von einem zum anderen in die Runde. Welche Gefühle tauchen auf?

Bei wem hast Du Dich gefreut, ihn wiederzusehen? Was ist Dir an ihm wichtig?

Erinnert er Dich evtl. an jemanden, den Du in Deinem Leben kennengelernt hast? Oder an jemanden, den Du in Deinem Leben gebraucht hättest?

Gespräche mit wechselnden Partnern:

Wer aus der Gruppe erinnert an jemanden aus dem eigenen Leben? Was erinnert an ihn? (Oder: Was ist Dir an dem einen oder anderen Gruppenmitglied wichtig?)

I. Erwärmungsangebot

1. Individuelle Erwärmung

- je nach Zeit -

Soziometrisch wählen lassen

Der Gesprächspartner faßt im Rollentausch zusammen (2-3 Sätze)

2. Erwärmung für die Gruppe

Leiter spricht langsam, macht Pausen, Gruppe hört zu.

Genügend Zeit lassen.

3. Erwärmung für das Thema

Gruppe dichter verknüpfen!

Jeder steht auf und sucht sich nacheinander die Partner - auch in Kleingruppen - zum Gespräch. (Notfalls Arbeitsauftrag differenzieren.)

Jeder soll Gelegenheit haben, sich wieder im Raum, der Gruppensituation, bei den anderen gefühlsmäßig zurecht- zufinden. Er soll Kontakt aufnehmen können und Zuhörer finden, um Belastendes oder Erfreuliches auszusprechen und sich evtl. schon etwas davon zu befreien.

Der Leiter erfährt, ob er seinen Vorplanungen folgen kann, oder ob er zunächst aktuelle Schwierigkeiten zum Thema machen sollte

Gefühle den anderen Gruppen-teilnehmern gegenüber wahrnehmen, sich bewußt machen.

Positiven Anteil in Beziehungen vergegenwärtigen. Warmes Arbeitsklima schaffen.

Auf Übertragungsphänomene aufmerksam machen (die nicht pathologisch sein müssen!).

Erste Erwärmung für das Thema.

Sich an Vergangenes erinnern. Gedanken und Gefühle im Gespräch klären.

Verlauf Methodische Überlegungen Intention des Leiters

Runde

Die Person nennen, an die Du Dich erinnert hast. In welcher Lebensphase oder bei welchem Ereignis spielte der- oder diejenige eine Rolle für Dich? (Oder: Bei wem hast Du die wichtige Eigenschaft des gewählten Gruppenmitglieds schon erfahren oder bei wem hättest Du sie Dir gewünscht?)

Runde

Leiter gibt Erklärung zur Le-benssichtlinie und Anweisung zu ihrer Anfertigung (siehe oben).

Einzelarbeit

Jeder Gruppenmitglied fertigt seine Lebenssichtlnie an. Es trägt wichtige Ereignisse seines Lebens, dazu Gedanken und Gefühle in seinen Bogen ein.

Runde

Wer fertig ist, setzt sich wieder in den Kreis mit seiner Lebenssichtlinie.

Runde

Wie geht es mir jetzt?

Was war heute für mich wichtig?

Woran möchte ich beim nächsten Mal weiterarbeiten?

Jeder spricht der Reihe nach kurz ein wichtiges Ereignis aus seinem Leben (oder eine wichtige Person) an.

 

II. Handlungsangebot

1. Hinführung

Arbeitsmaterialien bereitstellen

Leiter zieht sich zurück

2. Handlung

Ablenkungen fernhalten

Möglichst keine Gespräche

Jeder sicht sich einen Ort im Raum

3. Abschluss

Jeder hängt noch seinen Gedanken nach. Leiter setzt sich still dazu.

III. Sharing

1. Rückblick

2. Ausblick

3. Integration

Thematische Erwärmung

Mitteilung und Zusammenfassung dessen, was in den Gesprächen wichtig war

 

* Einflussnahme möglichst gering halten

* Auseinandersetzung jedes Einzelnen mit seinem Leben

* Subjektive Bewertung von Lebensereignissen

* Konkretisierung der Lebenssicht

 

Nach einer Phase, in der jedes Gruppenmitglied ganz auf sich bezogen war, soll die Gruppe wieder zusammenfinden.

Falls etwa doppelt so viel Zeit zur Verfügung steht, kommt es vor dem Sharing (nach einer Pause) zu einer erneuten Erwärmung - diesmal nur für die Gruppe und das Thema - und zu einem weiteren Handlungsangebot.