PIB-ZentrumPsychotherapieLexikonLegasthenie

Legasthenie

Bezeichnung und Definition der Legasthenie

Das Wort "Legasthenie" geht auf das lateinische "legere" = lesen und das griechische "asqenia" = Krankheit/Schwäche zurück, lässt sich also mit "Leseschwäche" übersetzen. So einfach und einsichtig die Übersetzung zu sein scheint, so zahlreich sind aber auch die Definitionen und Bezeichnungen, die in unterschiedlicher Weise den Problemkreis beschreiben. Die häufigsten deutschen Bezeichnungen sind:

  1. Legasthenie (Ranschburg 1916, 1928; Bladergroen 1955; Biglmaier 1960; Kern 1961; Linder 1962; Müller 1965; Schubenz 1965; Bleidick 1966, Lory 1966; Kobi 1967, Schenk-Danzinger 1968; Vrticka 1970; Valtin 1970)
  2. congenitale Legasthenie (Busemann 1954; Weinschenk 1965)
  3. verbale und literale Legasthenie (Schenk-Danzinger 1968)
  4. Leseschwäche (Ranschburg 1916, 1928; Busemann 1954, Kern 1961, Lory 1966)
  5. Lese-Rechtschreibschwäche (Kirchhoff 1964, Schenk-Danzinger 1968, Vrticka 1970)
  6. erhebliche Lese-Rechtschreibschwäche (Weinschenk 1965)
  7. literale und verbale Lese- und Rechtschreibschwäche (Schenk-Danzinger 1968)

Diese Übersicht gibt, ohne vollständig zu sein, einen Eindruck von der Fülle der gebräuchlichen Bezeichnungen und deutet so auf die Schwierigkeiten der Legasthenieforschung hin, wobei die Begriffbildung auch oft den Standort des Verfassers und seine Bevorzugung einer bestimmten Theorie kennzeichnet.

Die Durchsicht der Fachliteratur zeigt die Uneinigkeit der Fachleute in der Definitions- und Bezeichnungsfrage. Dies ist jedoch keine Unorientiertheit der Forschung, denn gerade durch die Vielfalt der Ansätze werden keine wesentlichen Aspekte vernachlässigt, und die Legasthenieproblematik wird in ihrer ganzen Breite erfasst. Die fehlende Übereinstimmung ist also nicht zu bedauern, sondern wegen der sachlichen Komplexität der Legasthenieproblematik verständlich und sogar gerechtfertigt. 

 

Phänomenologische und ätiologische Komplexität der Legasthenie

Viele Fachleute sehen in der Legasthenie eine sehr komplexe Störung, bei der jeder Fall andere ätiologische und phänomenologische Merkmale aufweist. Nicht zwei Fälle sind exakt gleich oder durch die gleichen Umstände verursacht. Sie ist keine "Krankheit" mit einheitlichem Erscheinungsbild, kein diagnostischer Tatbestand, sondern eine Symptomgruppe, bei der verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Der Legastheniker ist nicht Teil einer abgesonderten Gruppe, die Legasthenie kein pathologisches Phänomen, keine Abnormalität, sondern ein extremes Phänomen innerhalb der normalen Variationsbreite zwischen Erfolg und Unfähigkeit. (Gates 1947; Bond 1957; Malmquist 1958; Linder 1962; Rabinovitch 1962; Wepman 1962; Bleidick 1966)

(Bladergroen unterscheidet die Legasthenie von der Entwicklungsverlangsamung des Lesens und Schreibens aufgrund fehlender Reife und nennt sie Entwicklungslegasthenie".)

Insofern ist auch die "kongenitale Wortblindheit" von der "sogenannten Legasthenie" zu unterscheiden, da diese "kein einheitliches nosologisches Krankheitsbild, sondern ein Syndrom darstellt". (Spiel und Gloning, 1968)

 

Ätiologische Definitionen

Bei den ätiologischen Definitionen handelt es sich um Bestimmungen von medizinischer Seite, die außerhalb dieses Fachbereichs heute kaum noch Beachtung finden. Diese Definitionsgruppe steht in Zusammenhang mit früheren Forschungen zur Alexie, Wortblindheit, Dyslexie und Agraphie, wobei die eben Genannten sich mit dem erworbenen Verlust der Lese-Schreibfähigkeit durch Hirnschädigung beschäftigen.

Hinshelwood (1895) und Morgan (1896) beschrieben Fälle, bei denen das Erlernen des Lesens und Schreibens gestört war. Dieses führten sie auf eine angeborene zentralnervöse Störung zurück. Da sich kein Hirnschaden nachweisen ließ, nannten sie diese "Krankheit" im Gegensatz zur erworbenen Wortblindheit "kongenitale Wortblindheit". Auch die meisten späteren ätiologischen Definitionen gingen von einem angeborenen oder ererbten Hirnschaden aus, ohne ihn nachweisen zu können.

1. Die allgemeinste ätiologische Definition versteht unter kongenitaler Legasthenie eine angeborene verschieden stark ausgeprägte LRS bei normalen Umständen hinsichtlich der Intelligenz, der Sinnesfunktionen und des neurologischen Befunds.

Bei den Autoren treten nun verschiedene Betonungen und Hinzufügungen in der Definition auf. So bezieht Hermann (1955) auch Schwierigkeiten mit anderen Symbolen, wie Zahlen und Musiknoten, ein. Kossow (1974) und Ranschburg (1928) halten ein Vorkommen der Legasthenie auch bei Schwachsinn für möglich. Skydsgaard (1942) und Malmquist (1958) weisen daraufhin, daß es sich bei der kongenitalen Legasthenie um eine primäre LRS handelt, nicht um eine sekundäre, die häufig zusammen mit einer in der Familie angelegten Linkshändigkeit auftritt und meistens Jungen betrifft. Kossakowski (1961) führt sie auf eine ungenügende Trennschärfe im sprechmotorischen Bereich zurück, während Lory (1966) Legasthenie als "Leseschwäche bei hirngeschädigten, dominanzgestörten, reifedisproportionierten oder familiär belasteten Kindern" definiert. Walter (1956) versteht unter Legasthenie eine "isolierte, spezifische zentrale Schwellenänderung in der Auffassung von Sprachlauten".

Allen diesen ätiologischen Definitionen ist gemeinsam, dass sie die Legasthenie als pathologisches Phänomen beschreiben, welches angeboren und erblich, also nicht durch andere Umstände erworben ist.

2. Durch die Zurückführung der Legasthenie auf angeborene ätiologische Faktoren, die als absolut notwendig betont werden, heben manche Autoren, wie Bleidick (1966) und Rönne (1944), die "echte", "primäre", "reine", "isolierte" Legasthenie von allen sonstigen Lese- und Rechtschreiberschwerungen ab. Umstände solcher Art wären normalpädagogische Schwierigkeiten, wie mangelnde Förderung, Überforderung, schlechte schulische oder familiäre Verhältnisse, die von dem homogenen Fall der Legasthenie als psychiatrisch und heilpädagogisch behebbare Störung abzugrenzen sind.

3. Die Leugnung bestimmter Faktoren geht bei einigen Autoren so weit, dass zugunsten der Erweiterung des Begriffes Legasthenie, Wortblindheit usw. wesentliche Ursachen bewusst oder unbewusst ignoriert werden. Auch diese Autoren definieren Legasthenie als eine LRS bei mindestens normaler Intelligenz, lehnen aber soziale, physische, emotionale und umweltspezifischen Störungen als Ursachen ab. Diese Ablehnung "peripherer Faktoren" (Bleidick, 1963) führt teilweise aber auch dazu, dass sämtliche mögliche Ursachen ausgeschlossen werden, was zu einer völligen Entleerung der Definition führt: "Primäre oder isolierte Legasthenie ... ist dann anzunehmen, wenn die Lesestörung nicht durch andere zugrundeliegenden peripheren und zentralen Faktoren erklärt werden kann". (Bleidick 1963)

 

Theoriefreie (phänomenologische) Definitionen

Die Gruppe der theoriefreien (phänomenologischen) Definitionen geht nicht von Hypothesen phänomenologischer oder ätiologischer Art aus. Es werden hier Merkmale der Legasthenie aufgesucht, um den Umfang des Begriffs einzuschränken. Die häufigsten Merkmale sind die Lernschwäche, das Intelligenzniveau und die Isoliertheit der Legasthenie.

1. Lernschwäche

Legasthenie ist eine Lernschwäche, bei der es dem Kind trotz normaler Sinnesorgane nicht gelingt, die für das Verständnis des Lesestoffes erforderliche Lesefähigkeit zu erreichen. Die Geläufigkeit des mechanischen Lesens mit sechs bis acht Jahren (Ranschburg 1916, 1928), die Vorbedingung für ein erträgliches Leseverständnis des Gelesenen ist, kann nicht oder nur sehr schwer erlernt werden. Die Fähigkeit des Lesens oder Aussprechens von Geschriebenem ist unterdurchschnittlich. (Orton 1937; Vernon 1957; Wepman 1962; Müller 1965)

2. Intelligenzniveau

Ein anderes, bei diesen Definitionen berücksichtigte Merkmal, ist das Intelligenzniveau. Die Legasthenie ist eine LRS bei mindestens normaler Intelligenz, die Debilität ist also als Verursachung ausgeschlossen (obwohl nach Lory der Legastheniker dem Debilen in seinem Lesen gleicht). Zwischen der Intelligenz und der praktischen Fähigkeit des Legasthenikers besteht eine Diskrepanz. Das Kriterium dieser Definition ist die "Inkongruenz zwischen Allgemeinbegabung und Schulung einerseits und der Schreib-Lese-Leistung andererseits (Klasen 1970), bei normaler oder sogar übernormaler Intelligenz. (Monroe 1932; Kern 1961;

Rabinovitch 1962; Barnes 1964; Müller 1965; Schubenz 1965; Valtin 1970; Money 1962)

3. Isoliertheit der Legasthenie

Bei diesen Definitionen wird betont, dass die LRS den normalen Umständen, den Begabungen und Leistungen in den anderen Schulfächern bei normaler Intelligenz isoliert gegenübersteht. Linder (1951, 1954, 1962) schreibt: "Unter Legasthenie verstehen wir eine spezielle, aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens (und indirekt auch des selbständigen fehlerfreien Schreibens) bei sonst intakter - oder im Verhältnis zur Lesefähigkeit - relativ guter Intelligenz".

Langhorst versuchte, die verschiedenen deskriptiven Definitionen zu ordnen und kam dabei auf vier Gruppen:

  1. Legasthenie als LRS bei deutlich besserem Intelligenz- und allgemeinem Schulleistungsniveau,
  2. Legasthenie als LRS mit besserem Intelligenzniveau (ohne Berücksichtigung des Schulleistungsniveaus),
  3. Legasthenie als LRS bei deutlich besserem allgemeinen Schulleistungsniveaus (ohne Berücksichtigung des Intelligenzniveaus) und
  4. Legasthenie als LRS (ohne Berücksichtigung der Intelligenz- und Schulleistungen).

(Money 1962; Linder 1951, 1954, 1962; Schubenz 1965; Bleidick 1966; Kobi 1967; Bladergroen 1955; Kirchhoff 1967; Angermaier 1974)

 

Operationale Definitionen

Eine andere Gruppe von Definitionen gibt zur Bestimmung der Legasthenie Normgrenzen für Leistungsmessungen und u. U. sogar die Messinstrumente an.

Burt (1947) setzt als Normgrenze auf sprachlichem Gebiet einen Rückstand um 30 % des jeweiligen Lebensalters und um doppelt so viel wie in anderen Fächern oder was die generelle Intelligenz betrifft. Hierbei bleibt unberücksichtigt, wie die Messeinheiten und Normgrenzen bei den einzelnen Autoren variieren.

Malmquist (1958) spricht von Legasthenie bei einer Diskrepanz von mehr als 1 Sigma, Müller (1970) nennt "rechtschreibschwach", wenn die Rechtschreibleistung erheblich unter dem Durchschnitt liegt (Prozentrang 10 oder schlechter) (1965), Prozentrang 1 - 5 nennt er "Leseversagen" in Abgrenzung zur "Lesestörung", definiert durch Prozentrang 1 - 25 (1970). Als "kritische Abweichungsgrenze" wird das "5. Zentil (die 5 % leistungsschwächsten Kinder)" (1970) bestimmt, während Biglmaier von Leseschwäche bei einem Prozentrang von 1 - 9 spricht, Schubenz bei einem Prozentrang von 15 und schlechter und Valtin (1970) stimmt Müller bei einem Prozentrang von 1 - 5 zu, - so stimmen doch fast alle ätiologischen Definitionen in zwei Punkten überein:

1. Das Kind muss eine normale oder übernormale Intelligenz haben (nach Schubenz darf der Intelligenzquotient nicht unter 90 liegen), was durch einen konventionellen Intelligenztest festgestellt werden kann,

2. und es muss in einem standardisierten Rechtschreibtest/Leistungstest Ergebnisse erreichen, die unter einer Normgrenze liegen, um als Legastheniker bezeichnet zu werden.

(Valtin weist noch daraufhin, dass es sich bei der Legasthenie um einen Spezialfall des "Underachievment-Problems" handelt.

 

Berücksichtung des Milieus und soziokultureller Determinanten

Diese Gruppe der Definitionen bezieht den Einfluss der Umwelt auf die Legasthenie mit ein. Nach Zimmermann (1980) ging die neuere Legasthenieforschung von der Diskrepanz zwischen allgemeiner Intelligenz und LRS aufgrund soziokultureller Determinanten aus. Dummer (1981) unterscheidet eine isolierte Lese- und Rechtschreibschwäche von einer allgemeinen LRS infolge belastender Milieufaktoren. Trempler (1976) definiert Legasthenie als "Ausdruck eines durch Persönlichkeitsfehler gestörten (im wesentlichen milieubedingten) Leistungsfaktors".