28.08.07 14:02 Alter: 5 Jahre
Prof. Dr. Franz Stimmer (Lüneburg) über den Psychodrama-Lehrfilm
Kategorie: Fortbildung
Peter Härtling, Trauer und Trost. Erarbeitung eines literarischen Textes mithilfe szenischer Methoden aus dem Humanistischen Psychodrama
von Heike Hossbach/Hans-Werner Gessmann
DVD und Begleitheft
Verlag des PIB Duisburg, 2006. Euro 29,80.
ISBN 978-3-928524-47-6.
Im Rahmen einer Produktion des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen (PIB) hat die Oberstudienrätin Heike Hossbach mit Schülerinnen und Schülern der
Klasse 10e des städtischen Gymnasiums Kamp-Lintfort einen kurzen Text von Peter Härtling auf beeindruckende Weise über die psychodramatische Skulpturarbeit szenisch umgesetzt. Alle SchülerInnen hatten die Kurzgeschichte von Peter Härtling als Hausaufgabe schon gelesen, zu Beginn der Unterrichtsstunde wurde sie von einer Schülerin noch einmal vorgelesen:
Ein Erzähler schildert, wie er in 138 ZPS, Heft 1, 2007, S. 129-138 einer Kneipe einen alten traurigen Mann sieht, dem die Tränen über das Gesicht laufen, aber keiner wagt ihn anzusprechen. Die Musikbox spielt ein griechisches Lied als der alte Mann zaghaft und immer noch weinend zu tanzen anfängt, umringt von den zunächst gebannt zuschauenden und dann im Rhythmus klatschenden Kneipenbesuchern. Über diesen Tanz wurde die Trauer und der große Schmerz für alle spürbar: „… ich sah den Menschen, über den Unglück gekommen war und der die Macht hatte, es auszudrücken“. Als er erschöpft fertig war, legte ihm ein junger Mann den Arm um die Schulter und konnte ihn nun trösten.
Anstatt nun zur üblichen Textinterpretation überzugehen, wird der Text mit unspektakulären psychodramatischen Verfahren und Techniken szenisch gestaltet, wobei die gemeinsame Produktion von Standbildern zentral ist. Nachdem die Figuren der Geschichte benannt werden – Erzähler, Kneipenbesucher, alter Mann, junger Mann –, erarbeiten die SchülerInnen in Kleingruppen jeweils für eine gewählte Figur und bezogen auf jeweils einen Satz gemeinsam ein Standbild. Nach der Kleingruppen-Präsentation der Skulpturen haben die anderen SchülerInnen die Möglichkeit, sich zu äußern, wie das Bild auf sie wirkt oder sich in die Figuren über Doppeln einzufühlen und ihre Wahrnehmungen auszudrücken. In der Reflexionsphase werden dann die Erfahrungen in den Rollen und die Bedeutung der szenischen Darstellung diskutiert. Abschließend bekommen die SchülerInnen noch eine Hausaufgabe mit auf den Weg, nämlich aus der Erzählerperspektive eine Geschichte aus deren Alltag (Disko, Sportverein …) zu entwickeln.
Der Verlauf einer solchen psychodramatischen Gestaltung ist für PsychodramatikerInnen aus Therapie und Sozialpädagogik sicher nicht neu. Das Besondere daran ist aber, Elemente des Psychodramas kreativ in den Alltag zu transformieren und hier in der Schule mit 16-jährigen Mädchen und Jungen im Deutschunterricht umzusetzen und deren Kompetenzen anzuregen und ihre Phantasie auf spielerische Weise zu fördern.
Es ist Heike Hossbach in vollem Umfang gelungen, die (verborgenen) Ressourcen der SchülerInnen pädagogisch feinfühlig, jedoch strukturiert zu fördern und sinnvoll in den Unterricht zu integrieren. Eine Schülerin brachte die vielfältig geäußerten Rückmeldungen auf einen kurzen Nenner: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Interessant ist zudem, wie in der kleinen Geschichte von Peter Härtling die psychodramatische Potenz kurz und bündig beschrieben wird. Dieser DVD ist in ihre anregenden Wirkung eine weite Verbreitung zu wünschen. Im Beiheft (20 Seiten) gibt Heike Hossbach einige Hinweise zur pädagogischen Relevanz szenische Interpretation, formuliert die Postulate des „Humanistischen Psychodramas“ (HPD) und beschreibt schematisch kurz die Struktur des Verlaufs der Arbeit. [...]
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