24.02.01 10:10 Alter: 11 Jahre
Zungenmuskeltraining für Schnarcher und Apnoe-Patienten
Kategorie: Schlaflaborpresse
Info-Zeitung des Förderkreises für Psychosoziale Versorgung e. V. - Februar 2001
Nächtliche Dramen im Schlafzimmer – bei denen Täter oft Unwissende und die Partner Opfer und Mitleidende sind. Heftiges Schnarchen, nicht nur Belästigung, sondern geräuschvoller Hinweis auf eine Krankheit, die bislang als unheilbar gilt. Die Rede ist von den nächtlichen Atemstillständen – überwiegend bei Männern – mittlerweile als Schlaf-Apnoe bekannt und gefürchtet. Auf der Gesundheitsmesse Medica 2000 in Düsseldorf präsentierte Hans-Werner Gessmann, klinischer Psychologe und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums Duisburg, das von ihm entwickelte Zungenmuskeltraining, eine neue Heilmethode für Schnarcher und Schlaf-Apnoe-Patienten der breiten Öffentlichkeit.
Die eigentlichen Hauptge- winner dieser revolutionären Methode sind die Schnarcher. Bei konsequentem Training liegt hier die Erfolgschance auf geräuschlosere Nächte bei nahezu 80 %. Sowohl Dauer wie Lautstärke des Schnar- chens konnten in ihrer Inten- sität bei fast allen Patienten erheblich reduziert werden.
Ist Schlaf-Apnoe heilbar?
Bis vor 2 Jahren schien als einzige und sichere Therapie die Atemmaske, mit der die Atemaussetzer durch kon- tinuierliche Druckluft ver- hindert werden, damit Blut- sauerstoff-Entsättigung und deren tödliche Folgen aus- bleiben. An einer neuen Behandlungsmethode, dem sogenannten "Zungen- muskeltraining" wird seit Ende `98 im PIB Schlafmedizini- schen Zentrum in Duisburg geforscht.
Wie erfolgreich diese einfache wie einleuchtende Methode erprobt wurde, ließ sich be- reits seit Mitte 1999 recht schnell an den Gesichtern der Mitglieder der Duisburger Selbsthilfegruppe für Schlaf-Apnoe (SHG) ablesen. Sie strahlten, Männer wie Frauen. Die nämlich – seit Jahren mit ihrer SHG Gast in den unteren Räumen des PIB – Zentrums – waren die ersten Versuchspersonen und Probanden für Dr. Gessmann, dem Entwickler dieses Zungenmuskeltrainings (ZMT).
Die Idee hinter dieser Behandlungsmethode – die bei obstruktivem Schlaf- Apnoe-Syndrom greift – ist das Trainieren und Stärken der Zungenhaltemuskulatur, die im nächtlichen Schlaf verhindern soll, dass die Zunge nach hinten fällt, den Rachen verschließt und so zu den gefährlichen Atemaussetzern führt.
Dr. Gessmann hat also nicht "das Rad" erfunden, sondern einen Effekt zu Nutze gemacht und weiterentwickelt, der bereits 1997 bei einer Studie des im Uniklinikum Göttingen erforscht und festgestellt wurde: dass ein nächtlicher Kollaps der Zunge durch einen tagsüber trainierten Muskel verhindert werden kann. Ausprobiert an Schlaf-Apnoe- Patienten wurde allerdings erstmalig in Duisburg – zu deren großer Erleichterung und Freude.
Forschungsbericht 2001
Nun ist es also raus – seit Januar 2001 – durch den zweiten Forschungsbericht des Zentrums: der Erfolg ist messbar geworden, die Ergebnisse klarer belegbar, da die zweite zu behandelnde Patientengruppe von 40 Patienten alle einen Atmungs-Störungs-Index (RDI) größer 10 hatten. D.h., die Atemstillstände der Frauen und Männer lagen über 10 Atmungsstörungen pro Stunde Schlaf, jede länger als 10 Sekunden Dauer, d. h. über 60 bis 80 Aussetzer pro Nacht vor dem besagten Zungenmuskeltraining.
Sowohl bei der 1. Gruppe von ca. 56 Patienten wie auch bei der 2. Gruppe von 40 Patienten hat sich gezeigt: bei ca. 60 % war die Therapie erfolgreich.
Der nun vorliegende 2. For- schungsbericht mit insgesamt 40 Patienten kam zu folgendem Ergebnis:
9 Personen (22.5 %) - erfolgreich, keine Apnoen, keine Atemmaske
17 Personen (42,5 %) – erfolgreich, jedoch Schlaf in Seitenlage,
14 Personen (35 %) – nicht erfolgreich, Atemmaske weiterhin, nCPAP-Therapie erforderlich
Der Schlaf in Seitenlage, ist bei einem Teil der Patienten des- halb erforderlich, um den Rest von Apnoen zu verhindern. Hierfür gibt es mittlerweile einige Tricks: Tennisbälle in den Schlafanzug nähen oder Anglerweste mit Rückentasche und darin Tennisbälle in Socken rutschfest einlagern; es gibt auch nierenförmige Kissen – von Frauen besonders bevorzugt - die im Schlaf ein Umdrehen auf den Rücken verhindern. Ganz neu ein elektronisches Warnsystem: der PIB-Schlaflage-Sensor.
Bei der Gruppe der Nicht- Erfolgreichen (35 %) ist ein entscheidender Faktor das Übergewicht.
Die Zusammenhänge zwischen Schlaf-Apnoe und Überge- wicht sind schon länger klar. Als unwissende Schlaf- Apnoiker wundern wir uns irgendwann über eine rätsel- hafte Zunahme unseres Gewichtes. Bei der Erst- untersuchung müssen wir dann zur Kenntnis nehmen, dass häufige Ursache dafür die Schlafstörungen der letzten Jahre waren. Da die bei gesunden Menschen regel- mäßig wiederkehrenden Tiefschlaf-Phasen nicht mehr erreicht werden, entfallen die notwendigen Regenerationen des Körpers.
Das 2. Forschungsergebnis zeigt noch klarer: je größer der Körper-Massen-Index (BMI), desto größer die Atem- störungen, desto kleiner auch die Erfolgschance des Zungen- muskeltrainings (störende Fettgewebe im Rachen- bereich). Der übergewichtige Patient hat demnach den geringeren Heilungserfolg. Dennoch besteht auch für ihn eine Heilungschance, wenn bestimmte Grundregeln, die für alle Betroffenen gelten, be- achtet werden:
1. Körpergewicht reduzieren, d.h. gesunde und ausgewogene Ernährungsweise
2. Alkohol und Nikotin, wenn schon, in geringem Maße
3. Regelmäßige Bewegung in frischer Luft (Sport, z.B. Joggen, Walken, Spazieren)
4. Mentale Bereitschaft und Mitarbeit des Patienten während und nach dem ZMT
Was bedeutet das?
Bisher mit dem nCPAP-Gerät – der Atemmaske – in Deutschland mittlerweile ca. 1 – 1,5 Mio. therapierte Men- schen sind zunächst aus dem direkten Gefahrenbereich von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck) und der verstärkten Anfälligkeit von Herzinfarkt und Schlaganfall in kontrollierbare Sicherheit gebracht. D.h. eine jährliche (halbjährliche) Kontrollunter- suchung von Patient und nCPAP-Gerät im Schlaflabor ist unumgänglich. Der Preis dafür sind allerdings z.Z. noch Nebenwirkungen und Unwäg- barkeiten, die durch die Nacht für Nacht erfolgte "Zwangs- belüftung" unter der Atem- maske auftreten: nämlich damit verbundene eklatante Beein- trächtigungen der oberen Atemwege, wie Fließ- schnupfen, Niesanfälle, Schwellung der Nasenschleim- häute, Austrocknen des Rachenraumes (bedingt durch "Offenes Mundatmen"), etc. Unabhängig davon gibt es einen nicht unerheblichen Prozentsatz von nCPAP- Therapierten, die oft sehr früh "einfach nicht mehr mit der Maske schlafen können" oder "sich nachts um drei Uhr die Maske vom Gesicht reißen", weil sie es nicht aushalten (Druckstellen im Gesicht durch die Maske, Phobien, kalte Nase, Zwangsrückenlage, Laufgeräusche der Maschine oder zu hoher Luftdruck). Diese "Verweigerer" oder "Undisziplinierten" gefährden sich ab sofort lebensbe- drohlich, wie Nicht-Thera- pierte (z.Z. ca. 2-3 Mio.) und nehmen dieses in Kauf.
Eine Chance, dieser erneuten Blutsauerstoff-Entsättigung und zwangsläufig dem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu entkom- men, liegt eben in diesem Zungenmuskeltraining – wenn gar nichts mehr geht.
Die Erleichterung, nicht mehr nachts am Schlauch zu hängen, oder auch mal 230 V – unab- hängig - endlich nach Jahren wieder in freier Natur (Camping /Schiff) schlafen zu dürfen, ist unbeschreiblich. Von der Renais- sance eines "maschinenfreien" Liebeslebens im Doppelbett nach jahrelangem nächtlichen Auszugs des geräusch-genervten Partners ganz zu schweigen.
Ein Nebeneffekt des ZMT ist schlicht und ergreifend das erheblich reduzierte Schnarchen (Dauer wie Lautstärke des Schnarchens) – nachweisbar. Also ist das Training auch für "blanke" Schnarcher ohne Apnoe-Beschwerden, geeignet.
Die Behandlung
Nach einer Erstuntersuchung im PIB Schlaflabor Duisburg erhält der Patient am nächsten Morgen ein Muskelstimulations-Gerät (ApnoeStim). Das tragbare Gerät hat etwa die Größe einer Stoppuhr und wird zu Hause über einen Zeitraum von 5 - 8 Wochen tagsüber zwei mal für 20 Minuten angewandt, damit die Zungenmuskulatur reaktiviert und gestärkt wird. Nach dem ZMT wird durch eine zweite Unter- suchung im Schlaflabor u.a. Schnarch-Intensität, Anzahl der Apnoen/Hypopnoen und Blutsauerstoff-Entsättigung gemessen sowie die weitere Behandlung mit dem Patienten besprochen. Bei einem positiven Verlauf ist ein Absetzen der nCPAP-Therapie sofort möglich. Mittlerweile - durch ständige Kontrollmessungen bestätigt – können einige Patienten (ca. 20%) nach einmaligem ZMT nun bereits seit ca. 2 Jahren ohne nCPAP-Gerät schlafen. Weitere ambulante Kontrollmessungen (halbjährlich/jährlich) sind jedoch erforderlich.
Anbieter/Kosten
Das PIB-Labor ist z.Z. das einzige Schlafmedizinische Zentrum in Deutschland, welches dieses ZMT durchführt. Das soll sich ändern. Zur Zeit wird von der Herstellerfirma des Muskelstimulations-Gerätes BMR – NeuroTech aus Überlingen in Zusammenarbeit mit dem Schlafmedizinischen Zentrum in Duisburg eine Einführung und Ausbildung von Ärzten / med. Personal in die Behandlungsmethode durch- geführt. Dadurch wird es Patienten möglich, sich von niedergelassenen und einge- wiesenen Ärzten mit dem ZMT therapieren zu lassen. Diese Besserung soll etwa im Juli/August 2001 greifen und den Patienten weite Anreisen ersparen.
Eine private Behandlung im PIB Schlafmedizinischen Zentrum Duisburg wird von den gesetz- lichen Krankenkassen nur in Ausnahmefällen erstattet. Die Therapiekosten belaufen sich auf ca. 3300,- DM. Das Muskelstimulations-Gerät (ApnoeStim) wird ärztlich verordnet; die hierfür anfallen- den Leihkosten werden fast ausnahmslos von den Kran- kenkassen gezahlt.
Zungenmuskeltraining auf eine Kurzformel gebracht:
1. Schlaf-Apnoe ist - mittlerweile - heilbar.
2. ZMT reduziert die Apnoe und Blut- sauerstoff– Entsättigung sowie das Schnarchen und macht den Patienten therapiefrei.
3. Langfristiger Erfolg wird durch eine geänderte Lebensführung gesichert.